»Je suis fatigué, mademoiselle«, hatte er dann kurz gesagt, den Glockenstrang gezogen, ihren Wagen befohlen und sich kühl von ihr verabschiedet!

»Das war alles!« sagte sie.

»Aber gerade genug!« lachte Rothenburg, trank sein Glas aus und fing sofort an, sie eine bessere Taktik zu lehren.

»Nie — auch nicht im Scherz — an das rühren, was er hochhält! Sonst aber können Sie sich fast alles erlauben! Persönlich duldet er jede Anspielung, jeden Scherz, wenn er nur geistreich und amüsant ist! Da gestattet er sich selbst die größte Ausgelassenheit, und uns anderen auch, weil es ihn nur anregt und ihm zum Spott und zur Satire Anlaß gibt! In boshaften Ausfällen ist er jedem gewachsen! Da stellt er seinen Mann und kämpft mit ebensoviel Bravour wie auf dem Schlachtfelde! — Also packen Sie ihn nicht bei der Krone! — Necken Sie ihn lieber mit der Thronfolge! Da werden Sie etwas erleben! — Fragen Sie ihn, warum er, der große Held, der überlegene Geist — der männlichste unter uns allen — keine männlichen Leibeserben hat! — Fragen Sie ihn, ob das immer das Ergebnis seiner galanten Abenteuer zu sein pflegt! — Fragen Sie nach der Tochter, die er von der Frau des Obersten Wreech hat! Fragen Sie, warum er, der mit lauter gekrönten und ungekrönten Frauen in Fehde liegt — warum gerade er eine Frau in die Welt setzt? — Er wird sagen, die Weiber wären heutzutage unfähig, Männer zu gebären — die Männer, die sie auf die Welt brächten, wären alles alte Weiber! Er wird Anlaß haben, seine Bosheit gegen die sämtlichen Evastöchter weidlich loszulassen, und dann wird er Ihnen die Hand küssen und guter Dinge sein und viel Galantes sagen! Nicht aber, um seine Sottisen zu überzuckern! Sondern nur aus Erkenntlichkeit, weil Sie ihm halfen, jene Sottisen zur Welt zu bringen! Tun Sie's recht boshaft, recht dreist, und Sie werden gewonnenes Spiel mit ihm haben!«

Damit war sie gleich einverstanden! Schon am nächsten Tage, nach dem Konzert, beim Souper, zu dem sie wohl, wie üblich, aufgefordert werden würde, wollte sie's ins Werk setzen und ganz gehörig Rache nehmen!

Sie stieß nochmals mit dem Grafen an. Unter Lachen und Scherzen verging so der Abend, und das Bündnis gestaltete sich immer intimer.

Am folgenden Tag in aller Frühe rollte sie also in ihrer eleganten Karosse nach Potsdam, um ihren Dienst zu versehen.

Der König war an dem Tag schlechter Laune. Die Erledigung der täglichen Post hatte ihm mehr Mühe als sonst gemacht. Die Politik nahm ihn völlig in Anspruch. Der Horizont Europas war umwölkt — das Gewitter konnte jeden Augenblick losbrechen, und der Entschluß, bei der Entladung die Rolle des Blitzes zu spielen, stand bei ihm fest.

Trotz dieser vielfachen Inanspruchnahme seines Gemüts hatte er Zeit für künstlerische Pläne. Die bildnerische Wiedergabe einer künstlerischen Idee beschäftigte ununterbrochen seinen Geist. Die unwiderstehliche Lust, den Drang nach Schönheit in bildnerische Tat umzusetzen — die Materia zu bezwingen und ihre Starrheit in Bewegung auszulösen, durchtobte sein Gehirn, bald in Versen, bald in zeichnerischen Entwürfen, bald in Tönen nach Ausdruck ringend! — Aber vergebens! — Alles mißfiel ihm! — Immer wieder wurde das Begonnene vernichtet! — Und doch deuchte es ihn so einfach! Die unwiderstehlich belebende Wirkung des künstlerischen Dranges selbst zu gestalten — gewissermaßen die Geschichte des eigenen künstlerischen Werdens im Kunstwerke auszudrücken — im kalten Stein das Leben nachbilden, aber so, daß der Stein selbst zu leben anfängt und zu warmem, schwellendem Fleisch wird!