»Und wenn du auch selbst das Gegenteil glaubst — dir ist es doch nur um Befriedigung deines künstlerischen Ehrgeizes zu tun — auch wenn du Kirchen baust! Da ist's dir, wie all den anderen, ganz gleich, ob der Bau den Menschen andere Empfindungen eingibt als Bewunderung für eure Leistung! Daß sie drin veranlaßt werden sollten, durch all das Schöne, womit ihre Sinne umgaukelt werden, die Gottheit zu verehren, daran denkt ihr nicht — das Wunder zu bewirken traut ihr euch eben nicht zu! Ebensowenig, wie die Pfaffen glauben, die Menschen durch ihre Worte von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was sie ihnen predigen! Beweisen können sie nichts — deshalb verlangen sie, man soll glauben, blind glauben, und erschleichen sich so eine Autorität, die denen Strohköpfen nicht zukommt! Man soll ihnen aufs Wort glauben, man soll an sie glauben — das ist der geheime Sinn ihrer dunklen Rede! Tut man nur das — dann mag man im Herzen über das jenseitige Leben denken und glauben, was man will. Sie erziehen zur Heuchelei! Dem wollen wir keinen Vorschub leisten! Und deswegen lassen wir die Baumeisters in unserem Hause keine Kapellen zur Befriedigung ihrer künstlerischen Eitelkeit oder zur Befestigung der pfäffischen Autorität einrichten! Für unseren persönlichen Gebrauch haben wir keine besonderen Gebetzimmer nötig. — Im Speisesaal verkehren wir mit geistreichen Männern — im Musiksaal hat die Kunst das große Wort — in der Stille der Bibliothek finden wir allein und ohne Pfaffen die nötige Erbauung! Als Huldigung für den Geist der Aufklärung aber richten wir dem größten zeitgenössischen Geist eine Wohnung ein!«
»Die er doch niemals bewohnen wird! — Wie oft haben Eure Majestät ihn schon in der schmeichelhaftesten Weise eingeladen! Und er läßt sich immer noch bitten, trotz des glänzenden Empfangs bei seinem letzten Besuch! Er wird niemals ganz nach Potsdam kommen! Ihn wird's immer wieder nach Cirey zu seiner geliebten Marquise ziehen!«
»Die Marquise du Chatelet ist nicht unsterblich! Ihre Reize werden auch einmal welk! Ihr Geist mag noch so viele Künste der Verführung haben, dagegen kommen wir sicherlich zehnfach auf! Nicht wahr, Jordan — du glaubst doch auch, daß er kommen wird?«
»Ich glaube schon, daß er eitel genug ist, nicht zu widerstehen, wenn er von der besonderen Ehrung erfährt, die ihm durch diesen Bau zuteil wird! Er wird jedenfalls aus Neugier herkommen und da Wohnung nehmen! Ob er bleibt? — Ich wage es zu bezweifeln! Zwei so geistvolle Menschen können es sicherlich nicht auf die Dauer vertragen, so intim zu verkehren, daß ihre kleinen Menschlichkeiten ihnen nicht mehr verborgen bleiben!«
»Die kleinen Menschlichkeiten nehme ich ohne weiteres bei ihm an, wie er wohl bei mir! Ebenso aber genügend Geistesgröße, um sie zu ignorieren!«
»Die Art Größe war noch nie auf Erden da!« rief Jordan. »Verehrung braucht Distanz! Die Götter müssen über den Wolken, im Verborgenen, thronen! Hat man sie im Hause, so schlägt man sie, wie die Wilden ihre Götzen!«
»Sein Affentum hat mich nur amüsiert, als er hier war, weiter nichts!«
»Auch die Affen sind nur amüsant — in sicherer Ferne! Läßt man sie zu nahe heran, dann beißen sie manchmal! Das schmerzt — man wehrt sich — man schlägt sie! — Und so wandelt sich das Amüsement in sein Gegenteil!«
»Mit dir ist nicht auszukommen!« rief der König, »du behältst immer das letzte Wort! In der Sache aber behalte ich's, denn ich habe die Macht dazu, indem ich der Bauherr bin! Knobelsdorff soll seine kirchenbauerische Phantasie im Dombau austoben! Hier aber soll er mir einen Rahmen für Voltaire schaffen, der nicht nur ihn zwingt, zu bleiben, sondern schon durch die Aufmachung seinen Geist dazu bringt, seine kleinen Menschlichkeiten im Zaum zu halten und seine Würde zusammenzunehmen!«
»Ich hab's!« rief Knobelsdorff, und seine kleinen Augen leuchteten. »Ich baue ihm einen vergoldeten Affenkäfig! Da sperren Majestät ihn ein, wenn er beißen will!«