»Ich will also weitererzählen! Ich kam zu ihm in sein Laboratorium! Er zeigte mir seine beiden Tinkturen — die rote Tinktur — die materia prima, auch der Stein der Weisen genannt — ein fleischfarben schillerndes Pulver — und ein weißes Pulver, das er die >weiße Tinktur< nannte, mit der er Quecksilber in reines Silber verwandeln zu können vorgab. Mit der materia prima aber wollte er nicht nur Gold herstellen, sondern auch alle möglichen anderen Wunderdinge verrichten. So zum Beispiel die Jugend wiederherstellen und das Leben mittels des unfehlbar wirksamen und alleinseligmachenden >Jungfernpergaments< verlängern — —«
»Und von all dem Schönen haben Sie das schnöde Gold gewählt?«
»Man nimmt, was man nicht hat, Mademoiselle! Jugend hatte ich, und an die Verlängerung des Lebens zu denken, schien mir noch verfrüht! Gold aber ist, besonders bei einem jungen Mann von Welt, ein seltenes Metall! Ich nahm also sein Anerbieten an, vorerst einen Taler in Gold zu verwandeln! Das bewirkte er folgendermaßen: er breitete ein Stück Pergament auf meiner Hand aus, streute Sand darauf, nahm dann ein Gran seines kostbaren roten Pulvers, breitete es über dem Sand aus, legte den Taler darauf, streute Sand über das Ganze und hieß mich die Hand schließen! Ein seltsames Gefühl, als ob alle Lebenswärme meines Körpers sich auf einmal in meiner Hand konzentrieren wollte, durchrieselte mich! Ich schrie auf! >Nur ruhig!< sagte er und ergriff meine Linke und fühlte den Puls. >Ich passe auf! Öffnen Sie die Hand nicht, ehe ich's erlaube! Sonst ist's vertan!< Ich gehorchte! Ein gelblicher Rauch quoll zwischen meinen Fingern hervor. Ich fühlte eine durchdringende Glut in der Hand — mein Atem stockte — der Puls schlug immer schwächer und schwächer — der Angstschweiß trat mir auf die Stirn. — >Genug<, rief er dann plötzlich. >Machen Sie die Hand auf!< — Ich tat's und — hielt in der Hand ein Stück puren Goldes! — Es ist wahr, Rothenburg — ich schwör' es Ihnen! — Eine Täuschung ist ausgeschlossen! Den Taler hatte ich aus meiner eigenen Tasche genommen!«
»Wenn Sie das nicht gesagt hätten, lieber Pöllnitz«, sagte Rothenburg ruhig, »so würde ich's ohne weiteres angenommen haben. So muß ich glauben, daß Sie, in Ihrer bekannten Distraktion, sich im Wert des Geldes oder — sagen wir — im Metall geirrt haben! Sie werden ihm ein Goldstück gegeben haben!«
»Mais non! — Wofür halten Sie mich?! Am Letzten des Monats — bei dem kargen Gehalt eines Kammerpagen! — Wo hätte ich das Goldstück hernehmen sollen? Der Taler war mein letzter! Der Goldklumpen, den mir Don Caetano — denn so nannte sich mein Abenteurer — der Goldklumpen, den er mir gab, rettete mir das Leben!«
»Und der Eid der Verschwiegenheit, den er Ihnen abnahm, machte ihn berühmt! Denn Sie sangen natürlich sein Lob in allen Tonarten! Der Hof wurde neugierig!«
»Ob der Hof neugierig wurde! Der König selbst — weiland König Friedrich der Erste, Gott habe ihn selig! — interpellierte mich höchstselbst über die Sache! Er ließ daraufhin den Goldmacher kommen! Und Don Caetano hatte dann die Ehre, in allerhöchst Dero Gegenwart, unter Beaufsichtigung des damaligen Kronprinzen, unseres späteren Königs Friedrich Wilhelm des Ersten, selig, Quecksilber zu einem Pfund puren Goldes zu tingieren! Der König war nicht undankbar! Er schenkte ihm sein Bildnis in einem mit Brillanten besetzten Rahmen im Werte von zwölfhundert Talern, und auch das Patent als Generalmajor der Artillerie!«
»Und dann ließ er ihn aufhängen?«
»Nun ja. — Der Goldmacher war ein Betrüger! Er verpflichtete sich, dem König sechs Millionen Taler zu tingieren — und er hielt sein Wort nicht!«
»Und Sie, Baron, wie entgingen Sie dem Galgen?!«