Jordan betrachtete ihn lächelnd.
»Ewiger alter Sausewind, der du bist! Wenn man dich so aufgeräumt, heiter und lebenslustig dasitzen sieht, wäre man in Versuchung, zu glauben, daß uns nichts etwas anhaben könnte! Leider sind nicht alle so!«
»Das sind Schafsköpfe!« rief Keyserlingk übermütig. »Wo sie den Fritze haben und wissen, wie er gleich dem Blitz dreinfahren kann, wenn's gilt, müßten sie sich freuen, wenn sich recht schöne Gewitterwolken am Horizont zusammenballen! Was schadet es, daß der Kaiser jetzt plötzlich starb und die Süddeutschen abfallen und wieder die Kaiserkrone an Österreich verschachern wollen! Preußen macht den Schacher nicht mit — und wir sind die Rücksicht auf die Verbündeten los! Die Rücksichtnahme hat uns den Feldzug gekostet! Fritze hat am eigenen Leibe gelernt, daß Bündnisse unter Menschen nur so weit reichen wie der eigene Vorteil, und daß offene Feindschaft besser ist als hinterhältige und säumige Verbündete! Wenn auch der Bund mit Frankreich noch hält — Fritze wird auf die Wünsche Frankreichs keine Rücksicht mehr nehmen! Er wird, wie er es selbst für gut findet, handeln! Hätte er das gleich getan, hätte er nicht Böhmen wieder aufgeben müssen! Dann stünde er jetzt vor Wien und hätte es nimmer nötig gehabt, noch mitten im Winter zu kämpfen, um die Österreicher aus Schlesien herauszuwerfen!«
»Allein kann aber auch er nicht gegen eine ganze Welt an! England, Holland, Sachsen, Österreich haben sich gegen ihn verbündet! Rußland ist unsicher! Die Armee ist von Krankheiten dezimiert und immer noch schwer heimgesucht. Die Magazine sind leer, das grobe Geschütz ist vor Prag gänzlich verlorengegangen! Wir sind arm! Wo nehmen wir das Geld her, um Soldaten, Munition, Ausrüstung und Proviant zu beschaffen?«
»Das — Federikus Jordan — laß nur ruhig meine Sorge sein!« sagte eine Stimme an der Tür.
Keyserlingk sprang aus dem Sessel auf. Jordan richtete sich im Bett empor.
»Sorge du nur dafür, daß mein lieber alter Jordan wieder gesund wird, damit mir die Sorge genommen wird. Dann ist alles andere auch gut!«
Der König trat an das Bett und nahm in dem Sessel Platz. Er ergriff die Hand Jordans.
»Ein wenig Arzenei bringe ich dir mit, alter Querkopf!« sagte er und ergriff seine Hand. »Über den Feldzug will ich nicht mit dir rechten! Da genügt's, wenn wir einsehen, daß wir Fehler gemacht haben, und sie bloß nicht wiederholen! Wenn's dich ansonsten beruhigen kann, so höre: England, das mit den andern gegen uns verbündet ist, fängt an, mit uns zu liebäugeln! Carteret, unser Feind, ist nicht mehr Minister! Die Pelhams sind am Ruder! Sie sind uns wohlgesinnt! Und wenn auch England noch an seine Traktate mit der Gegenpartei gebunden ist — das Doppelspiel verstanden die Krämer drüben immer gut! — — Aber setze dich, Keyserlingk! Du wirst heute noch das Tanzbein zu schwingen haben! Du bist wohl den Weg zu Fuß gegangen wie ich? Ich sah keinen Wagen vor dem Hause!«
Keyserlingk bejahte die Frage — und erwähnte dabei die geheimnisvollen Vorgänge am Schloß, die er unterwegs beobachtet hatte, in der Hoffnung, daß Friedrich seine Neugier befriedigen würde.