»Nein.«

»Sie ist aber da. Und du siehst sie nicht, weil du immer noch Psyche bist, von deiner unbewußten Sehnsucht gehoben — ebenso gefangen wie sie, aber ohne es zu wissen. Werde wissend — werde Maria! Tauche unter ins Leid! Nimm das Märtyrertum des Weibes auf dich! Steig hinab in die Welt der Sinne, aber ohne dich selbst zu verlieren! Tauche unter in Lust, aber ohne die Reinheit einzubüßen! Töte das Fleisch ab, indem du es befriedigst! Blicke nur nach oben, aber lebe hier unten, solange du lebst! Sieh, da oben, wie hat er — Meister Correggio — da das Fleisch in seiner ganzen göttlichen Majestät zu schildern gewußt, von Sehnsucht nach Liebe verklärt! — Sieh all die schönen Körper, wie sie sich umschlingen — wie sie drängen — wie sie sich gegenseitig heben — und hinabziehen im ewigen Kampf, im ewigen Spiel der höchsten Lust! Es ist ein Ringen, ein Drängen, ein gemeinsames Aufgehen der Körper in Wolken, ein Auflösen der Wolken in Licht! Der Kampf mit der Erdenschwere wird da ausgefochten! Ohne den gibt's keine Bewegung! Ohne Bewegung keine Freiheit, und deshalb zeigt jene Gestalt, die in der Mitte als Wegweiser schwebt, wohl den Weg nach oben, drängt aber nach unten! — Denn nur der Geist kann hinauf! Der Leib darf nicht mit! — Er muß erst im Sturme der Leidenschaft vergehen — im Tanze der Lebenslust sich befreien — im Fegefeuer der Passionen geläutert werden ——«

»Hör auf«, rief sie und hielt sich die Ohren zu, »fälsche mir nicht das Heiligste, was ich habe! — Laß es mir so, wie ich's immer gesehen habe! —— Ich will nicht — will nicht mit deinen Augen sehen!«

»Mit deinen, aber nach meiner Art«, antwortete er. »Denn die ist die wahre, weil ich die Erfahrung habe und das Leben kenne — das Leben, das auch du zu leben hast!«

»Ich will nicht — ich will nicht«, schrie sie und wollte ihm wieder entlaufen.

Er hatte es aber erwartet und hielt sie fest.

»Jetzt läufst du mir nicht davon«, lachte er, »jetzt halte ich dich. Komm, gehen wir an die Arbeit! Heute wirst du wieder die Psyche studieren — den zweiten Teil ihrer Sage wollen wir jetzt inszenieren — wo sie allmählich sehend und wissend wird!«

Und er zog sie mit aus der Kirche und führte sie am Arm nach dem Theater hin.

Unterwegs erzählte er ihr die Geschichte Psyches, wie er sie weiter zu gestalten dachte — wie sie, allmählich durch Leiden zur Einkehr gebracht, sich ihres eigenen Wesens bewußt wird und so Tatkraft gewinnt — wie sie durch Beharrlichkeit und vertrauensvolle Demut das Unmögliche möglich macht, jede, auch die schwerste Prüfung besteht, vergebens an das Mitleid der göttlichen Mächte sich wendet, sich selbst überlassen, ihr Leid auf sich nimmt und mit ihrem Schicksal ringt, wie sie endlich geläutert und verklärt in den Kreis der ewigen Götter aufgenommen wird und an deren heiterem Leben teilnehmen darf. Und schließlich, wie sie selbst Göttin und Mutter wird, nachdem sie würdig befunden wurde, dem Gott der Liebe Gattin zu sein!

»Die Sehnsucht — der ewig unbefriedigte Trieb über sich selbst hinaus — Psyche, die so die Liebe beseelt und belebt, gebiert dann — die Wollust, die höchste Blume des Lebens! Denn Wollust nannten die Götter ihr Kind, das sie dem Amor gebar! Die Wollust ist nichts Irdisches! — Die Wollust ist etwas, was nur in der Phantasie lebt! — Der höchste Rausch des Geistes, das letzte Mysterium der Berufenen! Nur die Frau, die sich jenem holden Wahn ganz hinzugeben versteht und in der Hingabe ganz aufgeht, nur die ist wert, als segenspendende Priesterin hier im Leben zu walten, über dem Leben zu stehen und vor allen anderen geehrt zu werden.