Bloß geben, ohne an den Empfänger zu denken — so gibst du allen, weil du dich keinem weihst. Und entweihst die Gabe nicht durch selbstsüchtigen Vorbehalt. Opfern in tiefster vollster Bedeutung der Tat — ganz und ohne Nebengedanken im Opfern aufgehen, das ist die Gottheit Psyches!«

So drang er Schritt für Schritt in die Unberührtheit ihrer Seele ein und wühlte sie auf. Fliegenden Atems hörte sie zu. Die Augen halb geschlossen, ging sie an seiner Seite und sog Wort für Wort ein, ohne den Sinn noch ganz zu fassen, aber ihm mit ihrer Ahnung entgegenschwellend, bis die Spannung ganz unleidlich wurde und alles in ihr nach Erlösung drängte.

Da zur rechten Zeit hörte er auf und fing an, nachdem er die Grundstimmung gegeben hatte, Szene für Szene den Leidensweg der Psyche zu schildern, und wie er ihn darstellen wollte — wie sie zu Pan kommt — wie sie in den Tempel der Ceres, der Göttin der Fruchtbarkeit, flüchtet und, von dort vertrieben, in den Tempel Heras, der Göttin der Ehe — wie sie, von dort vertrieben, in die Hände der rachsüchtigen Göttin Venus fällt, von ihr und ihren Helfershelferinnen: »Angst und Verlassenheit« durch den Schmutz geschleift, geschlagen und geschunden wird, und wie sie doch ihre Liebe zu Amor rein im Herzen behält und, aller Erniedrigung zum Trotz, ihrem hehren Ideal treu bleibt und endlich als Lohn ihrer Treue gegen sich selbst unter die ewigen Götter aufgenommen wird.

So wurde bei seiner Erzählung das Wort zum greifbaren Bild — die Empfindung zum wirklichen Geschehnis — immer näher brachte er sie dem Kern der Sache, immer klarer begann sie zu sehen, und doch war da ein Letztes, das ihr verschlossen blieb. Da konnte ihr nur noch ein Erlebnis helfen, da nützte keine noch so geschickte Erklärung.

Und das Erlebnis kam.

»Die letzte Szene wollen wir heute einstudieren, die Szene, wo Psyche, in den Kreis der Götter hineingeführt, ihnen den Tanz der Schleier tanzt, den letzten verhüllenden Erdenrest abstreift, um im Glanz ihrer Schönheit und Anmut zu siegen und sich die Gottheit zu erobern. Denn darauf kommt es an. Kannst du das bewältigen, dann wirst du mir helfen, die Sage der Psyche zu gestalten, und dann wird dein Triumph tausendmal größer werden als beim ersten Teil.«

Im Probesaal des Theaters angelangt, fing er gleich an mit ihr zu arbeiten, und er brauchte sich nicht viel Mühe zu geben.

Wie sie da, tief in Schleier gehüllt, die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf leicht geneigt und ehrerbietig grüßend, in den Kreis hineinschreitet, stehenbleibt und, zaghaft beschämt, kaum ihr liebliches Gesichtchen zu entschleiern wagt — wie sie, erstarrt über den Glanz, stehenbleibt — wie von der Musik gestreichelt die Starrheit sich löst — die Glieder sich recken, dem ganzen Leib so allmählich Bewegung einflößend — das zaghafte Schreiten — das scheue Zurückweichen, das allmählich in rhythmisch bewegte Biegungen und Drehungen übergeht — und dann ein Vorwärtsstürmen, daß der, die ganze Gestalt bis jetzt verhüllende, erste Schleier sich löst — davonflattert und liegenbleibt — das Zusammenraffen des zweiten Schleiers, das allmählich einsetzende neckische Spiel damit, bis er auch halb zufällig, halb absichtlich fällt und noch mehr enthüllt —— die mit der allmählichen Befreiung immer schneller werdenden Rhythmen, das Umherwirbeln im aufjauchzenden Gefühl, das jähe Abwerfen des einen Schleiers nach dem andern — bis der letzte fiel — das kam alles heraus mit einer ungezwungenen Natürlichkeit, mit einer Naivität, die ihn entzückte — bis eben der letzte Schleier fiel. Dann war's aus — dann war sie wieder die kleine Baberina, die in ihrem kurzen Tanzrock vor ihm stand und ihn fragend anblickte. Und er ließ sie nicht auf Antwort warten.

»Was fühltest du, als der letzte Schleier fiel?« rief er aufgeregt.

»Ich weiß nicht!«