Er lachte laut auf bei dem Gedanken daran, daß Brühl, ahnungslos, gerade seinen eigenen Spion als Spion gegen ihn engagiert und hergesandt hatte! Und gar noch — als Werkzeug seiner persönlichen Rache!

»Zu plump!« sagte er halblaut und ging in der Erinnerung noch die Erzählung Rudenskjölds durch. Bei der Spielpartie im Hause Brühls, unter der Nachwirkung eines lukullischen Diners, hatte Brühl mit seinem überlegenen diplomatischen Geschick glänzen wollen und seinem Freunde, dem schwedischen Gesandten, gegenüber einige Äußerungen von dem geplanten Überfall auf Preußen fallen lassen — auch von den vielen — glücklichen oder unglücklichen — Zufällen, die die Geschicke der Völker über Nacht verändern könnten — wie zum Beispiel neulich das am Anfang des Jahres erfolgte Hinscheiden des Kaisers! — —»Auch andere Potentaten sind sterblich!« hatte er hinzugefügt, rasch aber das Gespräch unterbrochen. Wulffenstjerna hatte sofort den Eindruck gehabt, daß etwas gegen die Person des Königs von Preußen geplant sei, und ließ die Bemerkung fallen, das plötzliche Verschwinden solch eines hervorragenden Fürsten, wie Friedrichs, wäre noch geeigneter, das Gesicht Europas gründlich zu verändern! Brühl hatte das Spiel unterbrochen, ihn lange angesehen und dann bedeutungsvoll gesagt:»Auch Schweden hätte seinen Vorteil davon, da es schon so viele Provinzen an Brandenburg verloren hat!« und Trumpf-As ausgespielt. Am folgenden Tage wäre dann Fossano bei Wulffenstjerna aufgetaucht, als sei er geschickt, und hätte ihm mitgeteilt, er wäre zum Gastspiel in der Berliner Oper befohlen! Der Graf Brühl hätte ihm den Urlaub von der Dresdener Oper verschafft und ihm auch besondere Aufträge gegeben! Der schwedische Botschafter möge ihm nur auch in Berlin seine Protektion leihen und für seine Sicherheit sorgen! — Wulffenstjerna hatte getan, als verstünde er Halbausgesprochenes, und ihm Empfehlungen an den schwedischen Gesandten in Berlin mitgegeben und diesem noch im geheimen von seinem Verdacht geschrieben, mit der Bitte, den König zu warnen! — So weit Rudenskjölds Erzählung heute im Zeughause.

Friedrich blieb stehen.

»Wir selbst haben den Mann beauftragt, in Dresden so zu tun, als ob er uns wegen der Barberina tödlich hasse! Er wird seine Rolle gut gespielt haben, wenn er das Vertrauen Brühls dermaßen gewonnen hat! Wulffenstjerna hat sich auch von der Komödie düpieren lassen, obwohl er ihn selbst bei Brühl eingeführt hat! Brühl wird nicht so dumm sein, derartige Anschläge gegen uns zu versuchen!«

Er sann einen Augenblick nach.

»Als unser Spion hätte er selbst uns sofort Mitteilung von der Sache machen müssen! Er hat aber nichts gesagt! Entweder — und das wird wohl die Wahrheit sein — existiert kein Anschlag! Oder — er hat's übernommen, uns den Streich zu spielen, und schweigt deshalb! Aber warum? Geld bekommt er auch von uns! Sollte der Kerl uns die Ehre antun — auf uns jaloux zu sein?! — Nun — um so temperamentvoller wird er tanzen!«

Er trat in den Speisesaal, wo die befohlenen Gäste warteten, und aß und trank mit gutem Appetit, scherzte und war guter Laune wie immer, wenn sein Entschluß gefaßt war und er Großes vorhatte.

Am Abend saß er allein in seiner Loge in der Oper.

Er hätte viel darum gegeben, heute Jordan da zu haben, mit dem er so oft das Thema »Weib«, insbesondere das Problem Barberina, diskutiert hatte. Aber Jordan war während des vergangenen Feldzuges plötzlich gestorben, Freund Keyserlingk war ihm einige Monate später in den Tod gefolgt! — Der jähe Verlust seiner beiden intimsten Jugendfreunde hatte Friedrich verschlossen gemacht. Unter all den anderen war niemand, der ihm so nahegekommen wäre, um tief in sein Innerstes hineinblicken zu dürfen! Keiner, der, wie die zwei, ihm helfen durfte, den Lebensrätseln, von der Geburt der ersten Idee an, nachzugehen und sie gestalten zu helfen! Das mußte er fortan allein tun! Und dazu war er geschaffen! Heute aber regte sich nochmals die Sehnsucht danach, ein anderes menschliches Wesen zu finden, eine Seele, der seinen gleich an Tiefe, Empfänglichkeit und fruchtbarer Triebkraft — regte sich zum letzten Male mit voller Gewalt! Die Welt würde er aus den Angeln heben können, wenn er das fände!

Der Vorhang hob sich.