Sie mußte sich Gewalt antun, um nicht laut aufzuschreien!
Ihr ganzes Leben, vom Augenblick ihrer ersten Begegnung mit ihm an bis jetzt, zog mit Blitzesschnelle durch ihr Gehirn!
Sie sah ihn vor sich, wie er ihr mit der Kunst feinster Menschlichkeit den Ausblick in das Höchste und Erstrebenswerteste öffnete — hörte noch die einschmeichelnden Worte, die betörenden Töne seiner Stimme, deren bloßer Klang sie in einen derartigen Rausch der ersten überschwenglichen Begeisterung versetzt hatte, daß ihre Seele, keusch und unberührt, sich zum erstenmal auftat, aber nur, um statt dem erhofften Himmelslicht — der Glut der Hölle Einlaß zu geben, die ihr alles Zarte, Duftige versengen und die Keime der höchsten Entwicklung verdorren machen sollte!
Der Spender des ersten Lebens — und dessen Räuber war er, der ihrem unberührten Sinn zuerst und für immer sein Siegel aufgedrückt und sie sich hörig gemacht hatte, daß sie keinen anderen — sei's dem Herzensgeliebten, sei's dem alles überragenden Genius des großen Königs — etwas anderes bedeuten konnte — als das, wozu dieser Mensch sie gemacht hatte!
Wäre er nicht gewesen; wäre einer von jenen ihr mit derselben Macht genialen Schöpfertums genaht — wie anders hätte sich ihr Leben gestaltet — zu welchen Höhen hätte nicht ihr Genius an solcher Hand schreiten können!
Das alles stürmte auf sie ein, mit einer Gewalt, als müsse sie jäh zerspringen, und spiegelte sich in tausend schillernden Reflexen auf ihrem Antlitz wider. Entsetzen, Angst, Enttäuschung, Bitterkeit, Rachsucht und bodenloser Haß loderten ihm aus ihren Blicken entgegen, so daß er erschreckt wurde von jenem eruptiven Aufflammen der geknechteten Leidenschaft. Er wich zurück und sah sich nach einer Zuflucht um.
Einen Augenblick stand sie so entflammt, in voller Raserei, keuchend, die Hände gegen den Busen gepreßt! Dann stürzte sie mit erhobenen Händen auf ihn zu, wie um ihn in Stücke zu reißen — ein paar Schritte nur — und dann fiel sie wie vom Blitz getroffen nieder — und lag ihm leblos zu Füßen!
Starr vor Entsetzen stand er da, ohne zu begreifen, ohne eine Bewegung machen zu können, um ihr zu helfen.
Da stürzte aus der, der königlichen gegenübergelegenen Proszeniumsloge ein junger Mann auf die Bühne, nahm sie auf seine Arme und trug sie in die Kulisse hinaus!
Der Vorhang fiel rasch, die Musik hörte auf, ein aufgeregtes Stimmengewirr erhob sich im Zuschauerraum!