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In seinem Schlafzimmer in Sanssouci saß der König am Schreibtisch. Er war allein. Die Morgenarbeit war beendigt, die Post erledigt, die täglichen Empfänge desgleichen.
Die Vorhänge des Alkovens hinter der Balustrade waren zugezogen. Durch die hohen, bis zum Fußboden reichenden Fenster fiel grell die Frühlingssonne und zeichnete die Konturen der Fensterrahmen auf den Teppich. Die Tür nach der Terrasse stand offen und ließ die Düfte der Gärten und das betäubende Vogelgezwitscher herein. Die Schritte des Wachtpostens draußen auf der Terrasse knarrten auf dem Kies, verloren sich in der Ferne und kamen wieder näher, mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks.
Auf dem Tisch vor dem König lag ein Brief, den er bei der Erledigung der Post weder geöffnet noch fortgeworfen hatte. Die Schrift war ihm wohlbekannt, der Inhalt sicherlich nicht geeignet, ihn in gute Laune zu versetzen. Er nahm ihn, drehte ihn um, besah wieder genau Schrift und Siegel und warf ihn wieder hin. Stand dann auf, pfiff den Hunden und ging in die nach Norden gelegene lange Bildergalerie, um das Modell eines Denkmals, das er dem Andenken des »Alten Dessauers« errichten wollte, zu besichtigen.
Er ging ein paarmal hin und her durch den langen, schmalen Raum, besah sich einige neugekaufte französische Gemälde und die antiken Skulpturen, die er mit großen Kosten angeschafft hatte.
Schließlich blieb er vor dem Modell des Denkmals stehen, das man an einem Fenster aufgestellt hatte. Er schüttelte den Kopf.
Gut gemacht! — Aber der alte Trotzkopf war das nicht, dessen Widerborstigkeit ihm im letzten Kriege mehr Mühe gemacht hatte als die Österreicher und die Sachsen!
Er hatte seine liebe Not mit ihm gehabt!
War der alte Herr bei den Beratungen schwierig gewesen, so hatte er sich in der Ausführung der ihm gegebenen Ordres ebenso saumselig wie eigensinnig gezeigt. Er wollte alles besser wissen als sein junger Herr und Gebieter und gefährdete geradezu den ganzen Feldzug!