Da half nur eins: seine Eigenliebe in rücksichtslosester Weise zu kitzeln!

»Ich kann nicht leugnen«, hatte Friedrich ihm schreiben müssen, »daß ich gar übel von Ihro Durchlaucht Manövres zufrieden bin! Sie gehen so langsam, als wenn Sie sich vorgenommen hätten, mich aus meiner Avantage zu setzen. Weil diese Sachen ernsthaft sind, so rate ich Ihnen, solche mit mehr Vigeur zu tractieren, meine Ordres ponctueller zu executieren, sonsten ich mir gezwungen sehe, zu Extremitäten zu schreiten, die ich gern evitieren wollte!«

Das brachte den alten Haudegen ganz aus der Haut! Er zog vom Leder und hieb los, als gälte es, nicht nur die Sachsen, sondern auch Himmel und Hölle in die Pfanne zu hauen. In solcher Berserkerwut, wie er war, schien ihm nicht einmal der Herr der himmlischen Heerscharen geheuer! — »Besser, der hält sich neutral!« dachte er und rief ihm vor Beginn der Schlacht laut die Parole zu: »Hilf mir heute — und tust du's nicht, so hilf auch nicht dem Feind, dem Schurken, sondern sieh zu, wie's kommt

Und dann schlug er seinen Schlag mit Wucht, erfocht bei Kesselsdorf den größten und schönsten Sieg seines Lebens und gewann seinem König den Feldzug!

Jetzt war er längst ins Jenseits alles Heldentums eingezogen und sollte für seine Heldentat sein Denkmal haben. Aber — und das hatte sich Fritz vorgenommen — auch für seinen Eigensinn!

»Der Bildhauer taugt nichts!« entschied Friedrich und kehrte dem Denkmal den Rücken. »Um den Querkopf richtig zu treffen, müßte er so viele Renkontres mit ihm gehabt haben wie wir!«

Er ging in das Schlafzimmer zurück, nahm den Brief vom Tisch und begab sich dann in die danebenliegende kreisrunde Bibliothek, setzte sich in das Sofa hinter dem Schreibtisch und ließ die Blicke durch das gegenüberliegende Fenster schweifen. Vom Fenster gerade hinaus streckte sich eine von Schlingpflanzen überwucherte Pergola mit einem durch die Sonne grell beleuchteten Rondell abschließend, dessen Mitte ein betender Knabe in Bronze einnahm.

Eine Weile saß der König da, die Ruhe und die absolute Stille genießend. Die endlose Perspektive, in die er hineinblickte, wirkte hypnotisierend auf ihn. Die hin und her wogenden Gedanken legten sich zur Ruhe. Der vom Sonnenschein beleuchtete dunkle Körper des bronzenen Adoranten mit den nach oben gerichteten Blicken und Händen zwang mechanisch auch das Sehnen und Trachten des Beschauers mit hinauf zur Quelle des Lebens! Licht, Klarheit, Wärme brauchte auch er — wie alles Lebende — und Anregung von außen, um den Geist geschmeidig zu erhalten und ihn fähig zu machen, selbst zu geben.

Er war aber allein. Von Freunden umgeben, die nur von ihm empfingen, aber ihm wenig zu geben hatten, außer höfischer Schmeichelei und leerem Adorantentum! Der eine, der ihm an Geist gleichkam, an dem er deshalb mit begeisterter Hingabe hing, war nicht zu bewegen, zu ihm zu kommen! Eine Einladung nach der anderen hatte er an Voltaire geschickt. Aber dieser fand von seiner Egeria in Cirey nicht fort und verschob sein Kommen unter allerlei Ausreden. Er stellte auch Bedingungen materieller Natur, die Friedrich übrigens anstandslos bewilligte. Geld, Orden, Hofamt — alles wurde ihm zugesagt. Aber — er machte sich trotzdem rar und war unerschöpflich in Ausreden! So mußte auch die bevorstehende Niederkunft der Marquise du Châtelet zu dem Zweck herhalten.

Friedrich schrieb ihm: »Sie sind keine Hebamme, also kann die Marquise ihre Niederkunft ohne Sie abhalten!« — Und dann: »Wahrscheinlich befiehlt Ihnen Apollon, als Gott der Medizin bei der Niederkunft der Marquise zugegen zu sein.« Und: »Da Madame du Châtelet Bücher verfertigt, so wird sie aus Zerstreutheit niederkommen. Sagen Sie ihr, daß sie sich etwas beeilt, denn ich muß Sie bald sehen. Ich fühle, daß ich Ihrer sehr bedarf, und daß Sie mir großen Beistand leisten werden!«