Dabei fiel ihm der am Morgen eingegangene, ungeöffnete Brief, der noch dalag, wieder in die Hand. Ungeduldig riß er ihn auf und entfaltete ihn.
Der Brief war unterzeichnet: »Barberina von Cocceji« und enthielt einen Appell an die Gnade und »die väterliche Güte« des Königs und die Bitte an ihn, befehlen zu wollen, daß alle Verfolgungen wegen ihrer Heirat eingestellt werden möchten. Nebenbei auch die Mitteilung, daß sie bald »den Staaten« Seiner Majestät einen Untertan zu schenken hoffte!
Der Brief stellte den vorläufigen Abschluß eines Romans dar, der mit der Vorstellung in der Oper angefangen hatte, wo der von seiner Leidenschaft hingerissene junge Cocceji auf die Bühne stürzte und die Ohnmächtige forttrug. — Ein Roman, der dem König viel Ärger und Verdruß einbrachte und ihm, da er nicht umhin konnte, tätig in ihn einzugreifen, auch die Erkenntnis gab, wo die Grenze seiner Macht lag.
Die Leidenschaft des jungen Cocceji war unbezwinglich. Ebenso der Eigensinn Barberinas, die sich vorgenommen hatte, in der Gesellschaft Berlins eine Rolle zu spielen, und, da sie nicht die Erste sein konnte, wenigstens an zweiter Stelle, als Schwiegertochter des Großkanzlers, glänzen wollte!
Der König hatte nichts unversucht gelassen, um die Heirat zu hintertreiben. Er entließ die »perfide und verführerische Kreatur« sofort ihres Dienstes und bedeutete ihr, daß sie wohl daran tun würde, seine Lande zu »quittieren«, da sie »durch ihre Conduite sich seiner Protektion ganz unwürdig gemacht« hätte! Um zu verhindern, daß der liebestolle junge Cocceji ihr außer Landes folgte, um sie zu heiraten, befahl Friedrich gleichzeitig dem Kommandanten von Berlin, den »gedachten jungen Cocceji« unter gute Aufsicht zu nehmen, um »seinen würdigen Eltern dergleichen Chagrin und seiner Familie sothane Prostitution« zu ersparen — ihn nötigenfalls zu arretieren und »wohlverwahrt zu halten, damit er nicht »echappieren« oder »einigen Connex« mit der Barberina haben könnte! Das sollte so lange dauern, bis der junge Herr sein »ohnvernünftiges Betragen erkenne« oder sich der »ihm so sehr unanständigen Passion entschlagen« haben würde!
Ein wenig spielte wohl das Rachegefühl dem bevorzugten Nebenbuhler gegenüber mit sowie die Freude, dies Gefühl mit einem Schein von Recht, wegen der Rücksicht auf die»würdigen Eltern«, unter Zuhilfenahme der königlichen Gewalt befriedigen zu können.
Wer verliebt ist, ist nicht der Mann, darin ein »ohnvernünftiges Betragen« zu erkennen.
»Gedachter« junger Cocceji wurde also »gantz in der Stille« arretiert und weggebracht und mußte anderthalb Jahre als unfreiwilliger Gast auf einem der entlegensten königlichen Schlösser verbringen.
Als er endlich freikam, quittierte er für die königliche »Gastfreundschaft« dadurch, daß er Barberina, die inzwischen von einem längeren Ausflug nach England zurückgekehrt war, aufsuchte und sich sofort mit ihr trauen ließ.