»Haben wir uns damit inkommodieret, der Mutter der einen Partei den Kopf zu waschen, so müssen wir wohl — von Rechts wegen — dem Vater der anderen Partei dieselbe Gnade erweisen!«

Der Großkanzler trat ein, das Gesicht von unermeßlichem Gram durchfurcht, verbeugte sich tief und fing in ehrerbietiger und wohlgesetzter Rede sein häusliches Unglück zu bejammern an.

Friedrich hörte geduldig zu, ließ die Klage des alten Herrn über die Passion »seines unglücklichen Sohnes mit der berüchtigten Barberina« über sich ergehen, wegen deren»übler Conduite« der König, wie der Großkanzler sagte, ja selbst »Höchstdero Indignation« mit wohlverdient scharfen »Expressions« bereits verschiedentlich »bezeigt« hatte!

Er gab dem König zu bedenken, daß er es ihm nicht verübeln könne, wenn er seine durch den König »fundierte« Familie vor Schaden zu sichern bestrebt sei, da der König geruht hätte, ihn »zu hohen Ehrenämtern zu erheben«; und erbat sich die Erlaubnis, die Sache durch den »Weg Rechtens« auszumachen, um so die Ehe, die ohne seine väterliche Erlaubnis geschlossen war, rückgängig zu machen, oder, wenn der König besondere Ursachen hätte, sein diesbezügliches Gesuch nicht zu deferieren, ihm wenigstens die Gnade zu erweisen, »jene Leute an einen anderen Ort zu versetzen«!

»Ich habe«, schloß er, »diesen Sohn alle Tage vor Augen, wenn ich in den Geheimbden Rat gehe, und kann ihn ohne Alteration nicht mehr ansehen. Eure Majestät werden nicht zugeben, daß ich meine grauen Haare mit Herzeleid in die Grube trage!«

Friedrich antwortete ihm nach kurzer Überlegung, daß er in eine Versetzung seines Sohnes einwillige, jedoch auf eine billige Art und so, daß er dabei weder verliere noch gewinne. Er betonte aber ausdrücklich, daß es nur aus »Faiblesse« gegen den Großkanzler geschehe! Denn sein Sohn hätte in königlichen Diensten nichts versehen und wäre also nicht zu bestrafen, da dessen »unbesonnene Heirat« eigentlich »den Dienst nicht affiziere«! Diesbezügliche Vorschläge könne ihm der Großkanzler selbst machen.

»Wir haben«, schloß der König, »zur Verhinderung jener Eheschließung bereits so viel getan, daß kein Mensch sagen kann, wir hätten unsere gewesene Liaison durch Einheiratung in eine hochangesehene Familie entschädigen und mit einem vornehmen Namen ausstatten wollen. Wenn wir aber noch weitergehen, würde man denken können, wir würdigten uns so weit herab, wegen einer hergelaufenen Tänzerin jaloux zu sein! Deshalb bleibt die Ehe, die ja recte geschlossen wurde, bestehen! Er wird sich wohl mit der Zeit darüber hinwegsetzen können! Sowohl Er wie wir haben an Wichtigeres zu denken! Das Leben hat uns andere und höhere Ziele gegeben, hinter denen unsere persönlichen Wünsche verschwinden müssen! Gehe Er, und sei Er unserer königlichen Gewogenheit gewiß, jetzo wie immer!«

Er reichte ihm die Hand. Der Großkanzler küßte sie schweigend, verbeugte sich und entfernte sich, wie er gekommen war, in gemessener Würde.

Dann ging der König in das Musikzimmer hinaus und besichtigte das Gemälde Pesnes. Er blieb lange davor stehen.

»Das, was wir wollten, ist's immer noch nicht! Am Ende wollten wir etwas Verkehrtes! Wir ließen uns von einem unerfüllbaren Traum leiten! Die antike Legende stellte die Sache auf den Kopf! Die Tat Pygmalions war nichts als eine schöne Phantasmagorie! Das Leben macht's umgekehrt: Nicht der Stein wird zu Fleisch — das Fleisch wird zu Stein; so ist's gewesen, und so hat's Meister Pesne auch ganz richtig hingepinselt!« Er rief seinen Kammerdiener.