Nach zwanzigjähriger Ehe unternahm sie einmal zur Kräftigung ihrer Gesundheit eine Reise nach den böhmischen Bädern.

In einem kleinen Ort wurde die Reise behufs Wechsels der Pferde unterbrochen. Sie benutzte die Zeit, einen Spaziergang zu unternehmen und sah sich dabei die Vorstellung einer Zigeunergesellschaft an.

Unter den Tänzerinnen, Taschenspielern und Jongleuren war einer, der durch sein sonderbares Benehmen auffiel. Ernst und schweigsam übte er sein Amt als Spaßmacher. Ohne eine Miene zu verziehen, parodierte er Tänzer und Tänzerinnen mit einer Gewandtheit, die seine Vorbilder in jeder Beziehung übertraf und auf eine weit über dem Durchschnitt stehende Kunstfertigkeit hindeutete, aber zugleich mit einem ans grotesk Schauerliche grenzenden Ernst, der den Späßen eine ans Herz greifende Wehmütigkeit verlieh und Barberina aufs höchste erschütterte. Voll Mitleid entnahm sie ihrer Börse ein Goldstück und warf es ihm, als er vor ihr stand, in das Tamburin. Ein Zittern durchfuhr ihn, er flüsterte: »Mille grazie, signora« und machte seine eleganteste Verbeugung. Und — da erkannte sie — trotz der Schminke und der ganzen Verkommenheit — Fossano! Sie dachte an jene längst verflossene Zeit, wo sie, ein junges Mädchen, auf der Straße in Parma dem Tanz der Zigeunerin zugesehen hatte und er, der reiche, übermütige, vom Glück verwöhnte Künstler, ihre Gedanken und Wünsche erratend, ein Goldstück über ihre Schulter der Tänzerin in ihr Tamburin geworfen hatte! Und es blitzte in ihren Augen auf.

Durch jenes leicht hingeworfene Goldstück war sie damals seine Schuldnerin geworden. Das hatte die erste Verknüpfung ihres Schicksals mit dem seinen gegeben. Seitdem besaß er ein gewisses, wohlerworbenes Recht auf sie. Aber jetzt erst fiel es ihr ein, daß sie gerade durch jene Zahlung in seine Gewalt geraten war. Ohne daß sie noch er sich dessen bewußt waren, hatte er dadurch ihre Seele gekauft und war ihr Herr und Meister geworden!

Und nun hatte das Schicksal es so gefügt, daß sie es ihm ohne Absicht in der gleichen Weise hatte zurückzahlen können. Das letzte Band, das sie noch miteinander verknüpfte, war gerissen. — »Du bist es, Fossano?« sagte sie halblaut.

Er verbeugte sich schweigend. In seinen Blicken war aber etwas wie eine Bitte, seinem Elend die Larve nicht vom Gesicht zu reißen. Er schämte sich seiner Verkommenheit.

»Erinnerst du dich noch, wie du einst für mich in derselben Weise zahltest?«

Er nickte.

»Jetzt sind wir also quitt!« sagte sie, und um ihre Lippen zuckte es scharf.

Er seufzte und blieb noch vor ihr stehen. In diesem Seufzer lag mehr als eine verschämte Bitte. Der Blick, mit dem er den Seufzer begleitete, gab ihm den Charakter einer Mahnung, die er nicht laut zu äußern wagte, aber die doch ihre Berechtigung zum Ausdruck brachte.