Sie verstand ihn wohl. Als er alles und sie nichts war, hatte er sich ihrer angenommen und ihr den Weg geebnet — aus Eigennutz oder nicht, aber er hatte es getan! Jetzt waren die Rollen vertauscht — sie auf der Höhe des Lebens und er in der Gosse. Jetzt war's an ihr, Schicksal zu spielen. Es war aber auch die Gelegenheit da, sich zu rächen, und sie ließ sie nicht ungenutzt vorübergehen. Hilflos, von Schmach bedeckt, stand er vor ihr, und sie rächte sich, indem sie ihm Hilfe schenkte — weniger aus gutem Herzen als aus der grausamen Lust, ihn wieder mit Füßen zu treten. Sie warf ihm noch ein Goldstück in das Tamburin.
»Das erste hat meine Schuld an dich getilgt«, sagte sie. »Dies Goldstück macht dich zu meinem Schuldner. Nimmst du es an, so bist du mir verpflichtet wie ich bis jetzt dir.«
Er nahm es.
»Signora befehlen?« fragte er unterwürfig.
»Unsere Kunst, die du mich heilig zu halten lehrtest, will ich nicht von dir durch die Gosse geschleift wissen«, sagte sie, und er zuckte unter ihren Worten wie unter einem Peitschenhieb zusammen. — »Ziehe die Bajazzotracht aus! Und wenn du umgekleidet bist, komm in das Gasthaus und hole dir meine Befehle, sofern du gedenkst, dich unter meine Botmäßigkeit zu begeben!« Sie winkte ihrer Begleiterin und ging.
Als er nach einer halben Stunde in seinen zerschlissenen Kleidern vor ihr erschien, das von Entbehrungen und vom jahrelangen Lotterleben durchfurchte Gesicht von Schminke und Malerei befreit, da stand ihr Entschluß fest.
Sie brauchte seine Lebensgeschichte seit der Zeit, da sie ihn das letztemal gesehen hatte, nicht in allen Einzelheiten zu hören — ein paar Worte genügten, um ihr darzutun, wie er, als Spion geächtet, als Spieler verrufen, von Stufe zu Stufe gesunken war. Nachdem seine Ersparnisse verzehrt waren, hatte er sich den Zigeunern anschließen müssen, um da als Faktotum und Spaßmacher bei den Vorstellungen kümmerlich sein Leben zu fristen. An ein erneutes Hochkommen war bei ihm nicht zu denken. Selbständig würde er sich kaum einige Tage halten können, ohne zu verbummeln. Aber er konnte ihr nützlich werden. Er hatte ja Erziehung, Gewandtheit, Manieren, hatte Sprachkenntnisse und war mit dem Leben und den Menschen vertraut. Und vor allem: er kannte sie und würde ihr, wenn er wollte, ohne weiteres jeden Wunsch vom Gesicht ablesen können.
Barberina bot ihm an, ihr Haushofmeister zu werden und sie sofort auf der Reise zu begleiten. Und er nahm an, ohne mit den Wimpern zu zucken. Eine Börse, die sie ihm spendete, setzte ihn in die Lage, sich gleich mit dem nötigsten an Kleidung zu versehen und sich von den Zigeunern frei zu machen. Und so begleitete er sie auf der Reise und zurück nach ihrem Schlosse Barschau in Schlesien. Ein besonderes Vergnügen machte es ihr dabei, daß Friedrich ihn des Landes verwiesen hatte. Denn erstens war er so ganz von ihrer Gnade abhängig und sicher nur, solange sie sein Inkognito bewahrte! Außerdem konnte sie so dem König, wenn auch ohne dessen Wissen, ein Schnippchen schlagen! Jahraus, jahrein waltete Fossano also seines Amtes, ohne auch nur durch eine Miene zu zeigen, daß er früher andere Beziehungen zu ihr gehabt hatte — aufmerksam, korrekt und in strengster Beobachtung der übernommenen Pflichten.
Bis sie sich endlich, müde der schiefen Stellung, in die die Mätressenwirtschaft ihres Mannes sie gebracht hatte, entschloß, die Ehe, die schon lange kein Zusammenleben mehr gewesen war, nach achtunddreißigjähriger Dauer auch formell zu trennen.