Sie residierte, wie fast immer in den letzten Jahren, allein auf ihrem Schlosse Barschau, als die Nachricht von der endlich vollzogenen Scheidung, die ihr Rang und Namen auch ferner sicherte, bei ihr eintraf.
Sie ließ ihren Freunden und Bekannten unter dem schlesischen Adel einen Tag ansagen, an dem sie bereit wäre, Glückwunschbesuche zu empfangen.
Am frühen Morgen dieses Tages gratulierte ihr die gesamte Dienerschaft.
In feierlichem Aufzug zogen sie an ihr vorbei: Zofen, Kammerjungfern, Türsteher, Lakaien, Köche und Gärtner machten ihre tiefsten Reverenzen und brachten ihr Blumen aus dem Garten. Zuletzt der Haushofmeister, dem als einzigem die Gnade zuteil wurde, ihr die Hand zu küssen.
Er tat es mit vollendeter Eleganz, richtete sich dann in voller Würde auf, gab ein Zeichen, und die feierlich geschmückte Schar entfernte sich. Auf steifen Beinen trat er dann nochmals vor, nahm seiner Gebieterin die Blumen ab und begann sie in Vasen zu ordnen.
»Achtunddreißig Jahre ist es nun her«, sagte er dabei mehr für sich selbst. »Achtunddreißig Jahre! Und heute erst —« Er seufzte.
»Ja, heute erst —« wiederholte die Baronin, ebenfalls seufzend, aber auch sie vollendete den Satz nicht.
»Hja«, sagte der Hofmeister und steckte noch eine langstielige Rose in die Mitte des Buketts. »Das Glück der heiligen Ehe haben Madame reichlich genossen!«
Sie blickte ihn nicht an, sie kniff nur die dünnen Lippen zusammen und sagte kurz:
»Gut, daß es vorbei ist!«