Sie lachte laut auf! Ihr altes, steifbeiniges, verknöchertes Faktotum, schon fast abgestorben vor Entbehrungen und Gebresten des Alters, maßte sich an, wieder aufzuleben und noch einmal den eleganten, verwöhnten Weltmann und Menschenverächter herauszukehren! Das konnte noch sehr belustigend werden!
Sie ging zum Spiegel und blickte hinein. Ein volles, reifes Frauengesicht, in das die Jahre ihre Falten gegraben hatten — die Augen schwarz und stechend, die Figur mehr als üppig, nichts mehr von der übermütigen Tänzerin, die einer ganzen Welt ein Schnippchen geschlagen hatte. Eine große Dame, an Wohlleben, Behaglichkeit und Ruhe gewöhnt, und ohne Drang zu Abenteuern! Sie brauchte wahrlich weder Führung noch Schutz! Sie war frei, unabhängig, reich; und die Tage, die ihr noch beschieden waren, würde sie hier auf ihrem schönen Landschloß in vertrautem Verkehr mit lieb gewordenen Standesgenossen verleben!
Aber die Standesgenossen kamen nicht! Sie war mit der Ehescheidung aus ihrem Kreise getreten; der Kreis schloß sich wieder — um ihre Nachfolgerin, die ihren Namen und ihre Stellung geerbt hatte. Sie war jetzt draußen und wurde ignoriert. Das hatte sie nicht erwartet. Trotz ihrer Oberflächlichkeit hatte sie an die Echtheit der Gefühle geglaubt, die man ihr zeigte, und wurde jetzt bitter enttäuscht!
Sie ließ es sich aber nicht anmerken. Sie wahrte die Würde und behielt ihrer Umgebung gegenüber die Haltung. Nur den Hofmeister blickte sie ein paarmal fragend an, als er das Mittagessen servierte. Er aber tat, als merke er nichts, war korrekt bis in die Fingerspitzen, versah seinen Dienst und wartete, bis er gefragt wurde.
Lange brauchte er nicht zu warten.
»Du freust dich wohl?« sagte sie plötzlich und blickte von ihrem Teller auf. »Du freust dich wohl, weil du recht behalten hast?«
»Wie meinen Madame?«
»Sagtest du nicht heute früh, daß, nach deiner Meinung, meine Freunde es vorziehen würden, statt hier bei mir im Hause meines ehemaligen Mannes zu gratulieren?«
»Ja. Ich nahm an, sie würden nicht anders sein, als die Menschen meistens sind. Aber ich für meine Person gestatte mir keinesfalls, irgendwelche Meinung zu äußern — weder Freude noch Schadenfreude!«