Sie blickte den Kriegsminister von oben herab erstaunt an, als wollte sie fragen, welche Staatsgeschäfte wohl wichtiger sein könnten als die Affären des königlichen Ballettkorps — dann öffnete sie die Lippen und fand jetzt Worte.
»Ich bedaure, in so hochwichtigen Geschäften gestört zu haben«, lispelte sie. »Ich werde aber Eure Hoheit nicht lange in Anspruch nehmen. Ich komme nur, um von Eurer Hoheit Gnade meine Entlassung zu erbitten.«
»Jamais! Jamais de la vie! Was denken Sie sich nur? Wo kämen wir ohne Sie hin! Wir müßten ja die Oper schließen! Ganz Paris würde Aufruhr machen!«
»Hoheit täuschen sich! Seitdem die Camargo ihre italienischen Tänze in Mode gebracht hat, kümmert sich ganz Paris nur um sie! Die hohe Kunst schleicht beschämt davon!«
»Die hohe Kunst, deren einzige Vertreterin Sie sind, Madame, wird nach wie vor in Ehren gehalten! Und sollten Sie anderer Ansicht sein, so wird Sie unser Freund, der Kriegsminister, der hervorragendste Kenner und Verehrer der hohen Schule, vom Gegenteil zu überzeugen wissen! Seine Exzellenz brennt vor Verlangen, heute bei Ihnen zu dejeunieren —«
Sie grüßte d'Argenson jetzt mit äußerster Liebenswürdigkeit, sie bemerkte die verstohlenen Zeichen nicht, die Carignan ihm hinter ihrem Rücken machte, und akzeptierte deshalb auch anstandslos die Deutung, die er der erschrockenen Miene des Ministers sogleich gab.
»Seine Exzellenz werden mir verzeihen«, lachte der Prinz, »daß ich Gefühle ausplaudere, die er Ihnen am liebsten selbst verraten hätte.«
»Ich werde mich glücklich schätzen«, stammelte d'Argenson.
»Nicht wahr — und Sie haben dann die Güte, mit Madame Sallé das Programm zu vereinbaren, das wir demnächst Ihrer Majestät der Königin vorführen werden! — Sie sehen, Madame, wir machen nichts ohne Sie — Sie sind uns ganz unentbehrlich — und Exzellenz, als persona grata bei der Königin, wird Ihnen da helfen, das Richtige zu finden. Tun Sie Ihr Bestes, Madame — und lassen Sie mir bald Ihre Befehle zugehen!«