Das vergoldete Schnitzwerk, das vom Boden bis zur Decke die Logen umrankte, hatte selten so viel Pracht und Schönheit auf einmal eingefaßt. Überall gepuderte Lockenköpfe, Perlen, Geschmeide und funkelndes Edelgestein, nackte Schultern, schwellende Busen und kokette Blicke hinter spielenden Fächern — das vordere abgesperrte Parkett voll von eleganten Kavalieren des Hofes und der Aristokratie — hohen Beamten und tapferen Kriegern, die mit den Insassinnen der Logen liebäugelten und verstohlene Zeichen austauschten. Auf der Bühne, rechts und links im Proszenium auf den bevorzugten»bancs du théâtre«, die Habitués aus allen Gesellschaftskreisen! Und hinten, im Parkett, die reiche Bürgerschaft, die Künstler und die ganze goldene Jugend des Seinebabels, hin und her gehend, plaudernd, kritisierend und kokettierend.
»Mademoiselle«, wie der offizielle Titel der Madame de Charolais lautete, hatte ausnahmsweise auch Zeit gefunden. Ihre Anwesenheit hier war heute wichtiger als die gewohnte Unterhaltung mit dem König, dem sie nachher, beim Souper, mit dem Verlauf des großen Ereignisses zu unterhalten gedachte.
Spöttisch blickte sie zur Loge der Madame d'Etioles hinüber, die, strahlend schön und ebenso reich wie geschmackvoll geschmückt, sich von den Künstlern und Finanzleuten den Hof machen ließ.
Das war ein Kommen und Gehen bei ihr. Bald tauchte das spitze Fuchsgesicht Voltaires im Hintergrund der Loge auf, bald die würdige Dichtermajestät Crébillons. Der Präsident Henault verschmähte es nicht, ihr die neuesten Bonmots aufzutischen, auch ein Prinz von Geblüt, der stolze Herzog de la Vallière, küßte ihr die Hand, während ihre Beschützer und Manager, die reichen Armeelieferanten Paris-Duvernois und der Generalpächter Le Normand-Tournehem, dem sie die Ehe mit seinem Neffen und dessen neugebackenen adligen Namen verdankte — sich damit begnügten, sie aus der Ferne zu grüßen. Sie waren nicht wenig stolz auf ihre Schöpfung und träumten von ihrer zukünftigen Macht und Größe, auf den vielumstrittenen Platz an der Seite des Königs.
Aus einer Loge der zweiten Galerie blickte beglückt Mama Poisson zu ihrer unternehmungslustigen Tochter hinunter und tauschte Grüße mit den Herren von Paris aus, mit deren Geld sie Frankreich ihrer Tochter erobern wollte.
Der ehrgeizige junge Prinz von Croy — die Mätressensprößlinge des vierzehnten Ludwig: die Herzöge von Chartres und von Nivernois — der erste Kammerherr Herzog de Chesvres, und der berühmteste Herzensbrecher seiner Zeit, der elegante Herzog von Richelieu — alle waren sie da — vom Theater alles, was frei war — die Minister d'Argenson und Maurepas — der alte Literat Fontenelle, der junge Textdichter Rameaus, Louis de Cahussac, und alle die jungen Reimschmiede der Tagesereignisse! — Alle waren sie herbeigeeilt — die Damen der Aristokratie, um die mutmaßliche Konkurrentin um die allerhöchste Gunst mit eigenen Augen zu sehen und Konterminen zu legen — die Dichter, um sich an ihrer Schönheit zu gut bezahlten Gedichten zu inspirieren, und die Kavaliere, um neuen Nervenkitzel zu suchen.
Aus seiner Loge musterte der Prinz von Carignan sein Publikum und schwelgte im Vorgefühl der Sensation, die er ihm heute bieten konnte. Er lächelte befriedigt, als er im Parkett eine ernste, würdige, einfach gekleidete Gestalt wahrnahm, deren Gegenwart sehr beachtet wurde, die sich aber um niemand kümmerte. Es war der erste Kammerdiener Ludwigs, Bachelier, den Carignan eigens gebeten hatte, sich heute einzufinden. Durch dessen Beihilfe hoffte er seine ehrgeizigen Pläne zu fördern und den anderen Aspiranten auf das Bett Frankreichs ein Schnippchen zu schlagen.
Im Orchester stimmten die Geiger ihre Instrumente und rückten die Pulte zurecht; die Holzbläser bliesen, um ihre Flöten und Klarinetten zu erwärmen; die Hornisten prusteten diskret, wie sich's gebührte, und leerten das Wasser aus den Hörnern; die Rampe wurde angezündet; hinter dem Vorhang klopften und hämmerten die Theaterarbeiter, aber das Dirigentenpult war noch leer.
Endlich kam er, der gefeierte Liebling der Musen, Rameau! Langsam schlängelte sich seine lange, biegsame Gestalt mit dem feingeschnittenen Kopf, leicht vorgeneigt, zwischen den Pulten hindurch. Er blieb hier und dort stehen, blätterte in den Noten und erteilte einige letzte Instruktionen an seine Leute. Zerstreut streiften seine Blicke durch die glänzende Versammlung, ohne zu sehen — ganz erfüllt von den Bildern seiner Phantasie! — Er lächelte in sich hinein und versank in Träumereien, aus denen er dann und wann erwachte, um dem Publikum einen spöttischen Blick zuzuwerfen.
Er hatte noch nie eine solche Genugtuung empfunden wie heute. Von der Natur mit einem unbändigen Schaffenstrieb begabt — mit einer nie versiegenden Ader genialer Einfälle begnadet, hatte er sein Leben lang um ein einfaches Menschenrecht, sich nach seiner Veranlagung zu betätigen, kämpfen müssen. — Erst mit der lieben Familie, die ihm das langsame und sichere Klettern nach dem täglichen Brote auf der gesellschaftlichen Himmelsleiter beibringen wollte, ihn ins Jesuitenkolleg steckte und ihm die Robe des Richters als Gipfel der Entwickelungsmöglichkeiten anwies. Und dann, nach erfolgter Empörung und persönlicher Befreiung — nach dem geistigen Wachstum im Zigeunerleben der freien Kunst, als herumstreichender Musikant und Geiger bei den ambulierenden Theatergesellschaften — das nochmalige Einkapseln als ruhiges, gesetztes Mitglied der göttlichen Weltordnung! Aber jetzt als beamteter musikalischer Maître de plaisir und Modekomponist der verschrobenen Gefühle jener tausendköpfigen Bestie Publikum, die da in Samt und Seide, von Gold und Geschmeiden strotzend, gepudert, geschminkt und mit Schmuck behangen, auch modisch empfinden und konventionell seufzen wollte! —— Eine noch schlimmere geistige Knechtung und Gefangenschaft der Persönlichkeit als die, in die die Familie ihn eingekerkert hatte! Und jetzt wie damals ums tägliche Brot! Aber jetzt nicht mehr aus Unkenntnis der eigenen Kräfte, sondern mit vollem Bewußtsein und aus beginnender Schwäche!