Er hatte sich gefügt — seine menschlichen Empfindungen modisch ausgeputzt und verschnörkelte Allegorien statt den einfachen Ausdruck natürlichen Gefühls gegeben! Statt als Bringer und Spender höchster Lebensfreude an die Herzen zu pochen und ihnen den Himmel des reinsten Glückes zu öffnen, hatte er sich dazu hergegeben, als Oberpriester ihres faden Götzendienstes ihre Genußsucht und ihre hohle Leichtfertigkeit zu beweihräuchern.

Die Götter des Olymps, längst aus dem realen Leben verbannt, herrschten noch unbeschränkt auf den Brettern der Oper und harrten noch des musikalischen Molière, der ihnen zum Cancan aufspielen und sie in tollem Veitstanz nach dem Hades hinfegen sollte.

Nur in ihrem Namen und mit ihrer Hilfe durfte er zu den Menschen sprechen! Das brachte einen Mißton in seine Musik, aber auch eine unsagbare Sehnsucht, die einen jeden, auch den Oberflächlichsten, aufhorchen machte. — Da war ein fremder Ton, ein einfacher Naturlaut, ein Widerhall längst verschwundener Einfachheit unter der modischen Verschnörkelung — ein Hauch des in der Materie gefangenen ewigen Lebens, das dumpf nach Befreiung seufzte und kaum noch zu hoffen wagte. Und das sollte heute endlich Luft bekommen!

Wie ein jäher Lichtstrahl die Nebel durchdringt und das wonnetrunkene Auge die Höhe des Himmels und die Unendlichkeit des blauen Weltraumes schauen läßt, die einen da alle umgebende Kleinlichkeit vergessen macht, so durchschauerte es ihn, als er zum ersten Male Barberina gegenüberstand. Ihre Jugendfrische, ihre seelische Unberührtheit trotz aller Verdorbenheit, ihre Geisteshoheit, die Musik ihrer Bewegungen und ihres Mienenspiels berauschten ihn und machten sofort den Unwillen verstummen, den er, der gefeierte Meister, anfangs über die Zumutung empfand, jener unbekannten Namenlosen die zu ihren Pirouetten gehörige Musik zu komponieren!

Sein Herz tat sich weit auf, seine Seele flog ihr entgegen mit der herrlichsten Inspiration! — Er lebte, die Götzen verblaßten — das Göttliche selbst war ins Leben getreten, hatte sich erniedrigt, um wieder im beschwingten Flug den Weg nach oben zu zeigen und in alles aufwühlender Begeisterung die in süßer Selbstbeweihräucherung hindämmernden Sinne zu erlösen!

Und ihm war's gegeben, dazu aufzuspielen! Das war die Befreiung! — Das war die Rache für unwürdige Knechtschaft!

Mit Feuereifer warf er sich auf die Aufgabe. Sein Genius war ihm hold, im Wonnegefühl des Schaffens berauschte er sich an dem seltenen Glück, in Barberina die leibliche Verkörperung seiner kühnsten Träume von Grazie und beseelter Rhythmik gefunden zu haben. — Und die sollte er heute vor aller Welt ins Leben rufen dürfen! Sein Taktstock, der sonst dem verhaßten Göttergesindel zum Paradetanz aufklopfen mußte, war zum Zauberstab geworden, auf dessen Geheiß die Nebel weichen müßten, um die Krone der Schöpfung — den Menschen in seiner ganzen gottbegnadeten Majestät — in Erscheinung treten zu lassen.

Ob sie's auch begreifen würden, jene entmenschten Modepuppen, die da höchstens den Kitzel ihrer Trägheit oder Förderung ihres Ehrgeizes suchten?

Gleichviel, er würde das Glück — das große, unermeßliche Glück des Gebens haben und der voll empfangenen Gegengabe, einer gleichwertigen Genialität, einer ursprünglichen, weil im vollen Menschentum wurzelnden Künstlerpersönlichkeit!