Schnell zog sie ihr herabgeglittenes Tuch um den Hals zusammen und floh aus dem Gotteshause, ohne zu wagen, den Versucher auch nur anzusehen.
Ein kurzes Lachen verfolgte sie und beflügelte ihre Schritte.
Draußen, im Menschengewühl, gewann sie allmählich ihre Sicherheit wieder. Die Sonne brach wieder durch die Wolken, alles prangte im Glanz des Frühlings — alles lachte und jauchzte und freute sich des Daseins. An einer Straßenecke war Musik und Tanz. Sie mischte sich unter die Neugierigen, drängte sich bis in die erste Reihe vor und schaute andächtig zu.
Ein kleines Mädchen von sieben Jahren, barfuß und mit nackten Beinen, in hellem leichtem Kleid und rotsamtner, mit Pailletten besetzter Jacke, tanzte eine Tarantella zu den Rhythmen ihres Tamburins, begleitet von einem alten schmutzigen, zerlumpten Kerl, der auf der Erde saß und die Zither spielte.
Sie hatte die natürliche Grazie der Kinder des Südens, die leichte Beweglichkeit und den rhythmischen Sinn; sie schlug taktfest ihr Tamburin, als sie im Kreise herumflog, schüttelte es hoch über dem Kopfe, die andere Hand in die Seite stemmend, und drehte sich schneller und schneller, immer wieder von den Zurufen ihres Begleiters getrieben, dem sie nicht genug tun konnte. Ihr Lächeln hatte etwas Gezwungenes, ihr ganzes Auftreten war von einem fremden Willen gelenkt. Das einzige Natürliche bei ihr war die Angst — und die war nichts als die Furcht, den Unwillen ihres Herrn und Gebieters zu erregen. Sie strahlte vor Freude, als nach beendigtem Tanz die Kupfermünzen auf das bereit gehaltene Tamburin niederprasselten, und leerte es rasch in die Hand des Alten, der, unzufrieden brummend, die Ernte gierig in die Tasche schob und halblaut auf den Geiz der Leute schalt!
»Vorwärts, einsammeln!« rief er, »die da hat noch nichts gegeben!« und zeigte auf das junge Mädchen, das in der ersten Reihe stand.
Schnell wollte sie sich hinter die Umstehenden verbergen. Aber das Kind war rascher als sie. Schon stand es vor ihr, das Tamburin vorgestreckt, und sie hatte nichts zu geben und errötete vor Scham.
»Weiß Gott—ich möchte dir gern ein Goldstück hineinwerfen«, dachte sie, »aber woher es nehmen?«
Kaum gedacht, da flog ein Goldstück über ihre Schulter in das Tamburin hinein. — Sie blickte sich um und sah — einen jungen, hübschen, schlanken Menschen, in der Haltung stolz wie ein Fürst, der sie lächelnd anblickte. Derselbe, der sie in der Kirche erschreckt hatte, und doch nicht derselbe! Jetzt flößte er nur Zutrauen ein, wie ein alter Bekannter, ein guter Kamerad, der da war, ihr aus der Verlegenheit zu helfen!
Es schimmerte etwas wie Dankbarkeit in ihrem Blick, als sie ihn ansah. Er lächelte und, wie um ihr zu zeigen, daß er ihren Wunsch erraten hatte, warf er ein zweites Goldstück in das Tamburin, das das Kind noch hinhielt, starr über die unverhoffte fürstliche Gabe.