Denn»la Poésie« ist feminin — wenn auch nicht immer von lesbischer Extraktion.
»Thélème« liebt Sappho — Sappho liebt »Alcée«, und jener verfolgt diesen mit schwarzer Eifersucht, schleicht sich auf der Jagd von dem Gefolge seines Gebieters, Hymas, fort, um die liebesschmachtende Sappho in ihrem »Boskett« zu überraschen und rasch die Stelle des abwesenden Alcée einzunehmen. — Vergebens wehrt sie seine Werbung ab — schließlich greift sie zur List und verspricht, ihm zu gehören, wenn er den König herbeiruft, um einem Spiel ihres Talents zu lauschen. — Er geht, den Auftrag auszuführen.
Alcée stellt sich ein und empfängt die Kunde des schwarzen Verrats seines Freundes sowie ihrer Hoffnung, durch ihre Kunst ihn zu entlarven und den Segen des Hymas für ihre Liebe zu erringen.
Sie ruft den Gott der Verse und der Poesie herbei. Der König Hymas naht mit seinem Jagdgefolge, und Sapphos Sklaven führen dann eine Allegorie auf, wo eine Flußnymphe vergebens den geliebten Bach herbeiruft, aber ihn schließlich, kraft ihrer Sehnsucht und dem sich gegen diese Verwässerung wehrenden Flußgotte zum Trotz, dem Felsen entlockt.
»Je vous revois,
je vous revois;
tout cède a la douceur extrème
de retrouver l'objet qu'on aime!
J'ai vu troubler mes eaux des pleurs, des pleurs que j'ai versée!
Perdons les souvenirs de nos tourments passés«
—
singen sie — der König wird erschüttert — gerührt — exaltiert — »Mariniers« und »Marinières« tanzen Menuette, Bourrées, Rigaudons und Passepieds. — Sappho darf sich eine Gnade für ihre schöne Allegorie erbitten und erbittet sich Alcée. Treue Liebe hat gesiegt mit Hilfe der allbezwingenden Poesie — der Chor singt: »chantez Sappho, chantez sa gloire« — das Volk tanzt — Najaden, Flußgötter, das ganze mythologische Weltall jubiliert — Amor regiert mit Hilfe der Dichtkunst.
Im zweiten Bild tut er's mit Hilfe der Musik!
Held Tyrteus, Befehlshaber der Lazedämonier, der die Kunst erfand, mit Hilfe der Musik den Mut der Krieger anzufeuern und sie im unwiderstehlichen Furor zu entflammen, wird von Iphis geliebt. Der König Lykurgos jedoch bestimmt, daß dieser Sprößling seines Hauses nur dem Besieger der Messenier angehören kann. Also muß der gute Tyrteus erst die Messenier, die selbstverständlich bereits vor den Mauern Spartas darauf warten, besiegen — Iphis muß nach allen Regeln der Kunst hold um ihn bangen und seufzen — und Apollon um einen Orakelspruch bitten, der ihr auch prompt zuteil wird, aber so vorsichtig gehalten ist, daß eine Allegorie nötig wird, wo Amor erst Apoll hereinschleppt, dann beide vereint den Mars, dann mit ihm zusammen eine Siegesgöttin und zuletzt Hymen selbst — um, ihr zu Trost und Erbauung, ein »pas de cinq« miteinander zu tanzen! — Währenddessen siegt Tyrteus, von ihren Gebeten und seiner musikalischen Schwarzkunst wacker unterstützt — die siegenden Krieger tanzen eine triumphale Polonäse — die Liebenden haben sich, alles löst sich in Wohlgefallen auf, Rigaudons, Menuette, Passepieds, Tamburine lösen sich ab — Amor triumphiert, und ad majorem gloriam suam sollte der Vorhang fallen, um sich für das von Terpsichore allein beherrschte Schlußbild des Balletts wieder zu heben — da setzte die große Überraschung ein, die Rameau für sein Publikum bereit hielt!