Statt der traditionellen Göttin des Tanzes trat der Tanz selbst, das Mysterium der alle Materie besiegenden Bewegung, in Erscheinung — die Natur selbst erhob ihre Stimme — die nachgeschaffenen Götter des Olymps schwiegen und schlichen beschämt davon!
Die Bühne verdunkelte sich — wallende Nebelschleier verdeckten alles — aus dem Orchester wogten sie herauf, von leisen Arpeggien der Harfe getragen, und betäubten alle Sinne!
Da — ein Lichtstrahl — ein paar Töne der Flöte hüpften hervor — andere hinterher — sie haschten sich, formten sich zum Tanz, zur Melodie — von den wogenden Wellen der Harfenklänge getragen, trieben sie suchend hin und her und lockten — da — ein schwacher Schein, der sich langsam erhellte, um allmählich eine Gestalt aus dem Schatten herauszumodellieren — Barberina stand da, in der ganzen Majestät ihrer jungen Schönheit!
Der Inbegriff aller Talente — der Mensch war da! Licht und Töne hatten ihn aus dem Chaos geschaffen — in schmeichelnden Rhythmen aus den formlosen Nebeln heraus gestaltet!
Halb verschleiert stand sie da, feierlich, unbewegt, in der ersten Lebensdämmerung, leicht vornübergebeugt, den sanften Tönen der Flöte lauschend, die aus ihrem Innern den Widerhall der ersten unbewußten Sehnsucht wachriefen, aus der heraus die Starrheit sich allmählich in Bewegung auflöste und in suchendes, tastendes Schreiten umsetzte, das, noch ohne Ziel, nur der inneren Mahnung gehorchend, den wogenden Rhythmen nachgab und sich von ihnen treiben ließ.
Dann ein leises erstes Aufatmen — die geheimnisvoll klagenden Klänge verstummten, die Tonwellen sanken in sich zusammen und glätteten sich aus in einer endlosen Fermate in zart schillerndem Dur, Hornklänge aus der Ferne schwollen mächtig an, rötlich glühte der Morgen hervor, über die Geigen ein leises, schnelles Huschen wie ein jäh erwachter Frühlingswind, der durch das Schilf streicht und die Fläche kräuselt. Der endlose Passagenfluß gliedert sich in Rhythmen — immer schneller jagen die Tonwellen dahin, immer sonniger leuchtet das Licht — der Tag ist da — sie erwacht, blickt geblendet die neugeschaffene Welt an, sieht mit sehnenden Blicken, begehrt nach deren Besitz, öffnet die Arme, um das Leben zu umschlingen — gleitet zaghaft hin und her — bald neugierig suchend — bald furchtsam zusammenschauernd — bald freudig sich an den Farben und Düften des Frühlings berauschend, dann im jähen Schrecken erstarrend, als aus dem nächsten Gebüsch mit kühnem Sprung ein fremdes Wesen auf sie einstürmt und in lüsternem Kreisen um sie herumschleicht, nach ihr greift, aber nicht wagt zuzupacken.
Der Mann ist in ihr Leben getreten! Liebegirrend umschmeichelt er sie und sucht ihr die Schreckensstarre abzuschmeicheln! Halb neugierig, halb scheu lächelt sie ihn an. — Er wird dreister — erhascht ihre Hand, küßt sie, läßt wieder los und fährt zurück! Denn die Berührung seiner Lippen hat die Starre gelöst — sie weicht aus, er folgt — das Spiel macht ihr Vergnügen — sie lacht laut auf — neckt ihn — lockt ihn heran und stößt ihn ab, sooft er sie zu ergreifen sucht. — Immer dreister wird er — immer zudringlicher sein Werben — immer stürmischer sein Angriff — immer verlockender ihre Abwehr — bis plötzlich die Angst sie packt und sie in jäher Flucht pfeilschnell davonwirbelt! — Hin und her geht die Jagd, von eilenden Rhythmen vorwärts gepeitscht, bis er sie endlich im allen Widerstand niederwerfenden Ansturm packt, sie hoch über sich erhebt und die verzweifelt sich Wehrende in den Wald trägt.
Hohnlachend setzt der Chor der Waldgeister ein — unsichtbar und überall anwesend erleben sie den Liebeskampf mit und begleiten mit kurzen, gellenden Schreien die Orgie, die jetzt im Orchester einsetzt, als die beiden, bekränzt, halb nackt, mit flatternden Locken und wehenden Gewändern hereinstürmen im tollsten Bacchanal — ganz Werben und Gewähren, ineinander Aufgehen und Verschmelzen — in einem Sturm der Bewegung, der ihn schließlich erschöpft hinwirft, während sie sich, im Vollrausch der Lebenslust, aufreckt, triumphierend die Hände gegen den Urquell alles Seins emporstreckt und dem niedergerungenen Faun, dem sie erlag und den sie erliegend besiegte, den Fuß auf den Nacken setzt.
Fossano — denn er war's — , Fossano war besiegt, sein Schicksal besiegelt! — Und nie wieder sollte er den Kopf über sie erheben, nimmermehr sie als Schülerin meistern! — Sie war ihm Meisterin geworden, sie war jetzt Herrin — war alles — er nichts!
Er empfand es, wie er dalag und aus den Beifallsrufen draußen im Zuschauerraum nur den Namen: »Barberini!« heraushören konnte. Zähneknirschend sprang er auf, als der Vorhang fiel. Sie verstand das nicht gleich. Freudestrahlend schleppte sie ihn immer und immer wieder mit hervor! — Und erst als auch sie immer nur ihren eigenen Namen von draußen rufen hörte und er sich losriß und in Wut von ihr wegstürzte, da verstand sie, daß sie jetzt oben war — sie allein, und er besiegt, abgetan — ihr Partner nur, den sie zum Gegentanz benötigte, aber auch, wenn's ihr gefiele, verabschieden und durch einen anderen ersetzen konnte!