»Ja, Sie haben recht. Ich bin nicht wert, zu Ihnen aufzuschauen ... Sie sind so rein und so innerlich stark – so jung noch und schon so tief und fest in sich gefügt ... Ich aber ...«

In Christinens Auge war wieder Wärme gekommen und eine unendliche Milde in ihre zitternde Stimme.

»Ich werde Ihrer Mutter sagen, daß Sie krank gewesen sind, schwer krank. Doch jetzt – jetzt seien Sie auf dem Wege der Genesung ... Und werden genesen ... In kurzer Zeit ganz genesen ...«

»Christine!«

Er war mit ausgebreiteten Armen auf sie zugestürzt. Sie aber hatte rasch das Zimmer verlassen und floh über die Treppe hinab in nieempfundener Aufregung. In ihrem Gesichte waren die strengen herben Linien, die Trotz und gewaltsame Beherrschung gezogen hatten, noch nicht verschwunden – aus ihren Augen aber strahlte und leuchtete schon das ganze tiefe neuerwachte Glück in ihrer Seele ...

Er aber warf sich auf das Sofa und stöhnte:

»O, was war ich für ein Narr! Ich hab sie von mir gestoßen – die Reine! Wie meine Kindheit ist sie zu mir gekommen, wie mein besseres Selbst ...«

Als er sich nach langem Sinnen und Ergründen seiner selbst endlich erhob, stand in seiner Seele die Erkenntnis fest: sie zu erringen, sei der Weg zu seiner Rettung – und zu seinem Glücke ...

Am Weihnachtsabend des nächsten Jahres erhielt Christine einen großen Brief von Rudolf. Er enthielt die selbstverdienten 1400 Kronen und die Mitteilung, daß er seinen Chemiedoktor gemacht habe. Sonst, außer warmen Dankesworten – nichts weiter.

Mit seltsam erregten Gefühlen ging sie am Abend zu ihrer guten alten Betti hinüber. Die stand im vollen Lichterglanz des Weihnachtsbaumes und neben ihr stand, jugendkräftig und vollbärtig – Rudolf, ihr Sohn.