Förster: Kommt morgen mit ... soll Euch auch sehen! Der Leibjäger hat mir die Geschichte erzählt, da bei der Treibjagd, wo der Herzog dabei war. Da habe der Junggraf in Straßburg Schulden gemacht — so gar viel sei es gerade nicht gewesen, aber es habe den alten Herrn gewurmt, daß es nicht Kavaliersschulden waren, sondern wieder Narrenschulden. So sei denn der Graf nach Straßburg geritten, mit dem Leibjäger und noch zwei Andern, denn sie hätten Geld bei sich gehabt. Und in Straßburg habe der alt Herr dem Jungen den Kopf gewaschen, man hätt nicht zu horchen brauchen, man hätts auch so gehört. Der junge Herr habe nicht einmal viel gesagt — recht degenmäßig sei er gewesen. Zuletzt habe es schier Krach gegeben ... nur der alte Herr! Da habe der junge Herr auf einmal wieder angefangen und gesagt ... Du brauchst mich gar nicht zu verhalten, ich bringe mich schon selber durch. Der alt Herr: Mit was denn? Mit was! Mit Narrenwerk! Das kannst du, und sonst nichts ... Du mit deinem ewig hungrigen Leib, keinen Tag bringst du dich durch! — Ich kann singen, Vater. — Dann geh und sing vor der Leute Häuser und sieh, ob die dir ein Stüberlein hinauswerfen.
Der Jung Herr fliegt zur Kammer hinaus — halb mit Willen — halb hat der alt Herr geholfen und geht fort. Und der alt Herr im höchsten Zorn zu den Professores und will hören, was die über seinen Sohn sagen. Der Jung Herr zu einem Freund, der ein armer Gottesgelehrter gewesen sei und ein altes, verschlissenes, graues Habit gehabt habe, — das angezogen, eine alte Pudelmütze über den Kopf, das Gesicht mit Ruß verschmiert, die eine Schulter hoch mit Werg verstopft wie einen Buckel, und über sein eines Auge ein schwarzes Flecklein gehängt an einem Bändlein, als ob er einäugig sei. Dann nimmt er seine Laute und geht fort, kein Mensch hätt ihn mehr gekannt. Sein Freund hinter ihm drein, trägt er ein Beutelein und der Jung Herr singt. Und wenn der singt, dem gäb mein Weib etwas, wenn er ihr singen wollt.
Gisela: Ich kann auch singen, Förster, schön kann ich singen ... ich sing auch noch einmal ein Lied ...
Förster: Zuletzt seien sie an das große Gasthaus gekommen, wo die vornehmen Herren und auch der alte Graf gerade bei Tisch saßen. Da habe der junge Herr unten angefangen — der Leibjäger stand hinter des Grafen Stuhl — zu singen: Es steht ein Baum im Odenwald, ... da sei dem alten Herren eine Lohe übers Gesicht geschlagen, daß es dem Leibjäger Angst geworden sei —. Und einer der andern Herren aufgestanden und gesagt ... Da singt aber einer — so hab ich noch nichts gehört. Da fragen die Andern: Wer ists denn? Der alt Herr rührt sich nicht. Da ruft der: Ein einäugiger Bettelmann, ein gar so schreckhafter Mensch, die edlen Frauen sollten nicht hinausschauen! — Darauf alle Damen ans Fenster und die Herren und der alt Herr auch, denn der war wieder vergnügt. Und unten so ein Gesang und sonst Stille. Und wie es zuletzt kommt — „da fällt der Schnee so kalt, so kalt, das Herz es mir zerreißt“ — da laufen dem alten Herren die Tränen herunter, er langt in seinen Beutel und wirft dem Bettler eine Golddublon hinunter. Der macht einen Diener, bückt sich nach dem Goldstück und drückt es sich ans Herz und will davon gehen. Da werfen auch die Andern Geld hinunter und die Frauen und die Fräulein wollen auch ein Lied. Da sang er denen das Lied von den zwei gefangenen Soldaten —. Sie wurden gefangen geführet ... keine Trommel ward um sie gerühret ... im ganzen römischen Reich ... Und wie er zu dem Vers kam — wo es heißt ... du liebster Herzgefangener mein! da haben die Frauen ihre Ringe losgemacht und Haarpfeile heraus und haben sie heruntergeworfen. Der Einaug bückt sich nach Nichts, läßt Alles liegen, nur das Goldstück von unserem Herrn hat er genommen. Der arme Freund hat Alles zusammengelesen. Der Einaug macht noch eine Reverenz, daß wieder dem Grafen eine Lohe übers Gesicht schlägt und geht hinaus zum Hofe, der Andere mit dem dicken Beutel hintendrein. Da ging der Graf in seine Stube und bald kommt auch der Junge die Treppe heraufgeflogen. Wie er das so macht — so in drei Sätzen — wieder schön angetan.
Gisela: Ach kein Mensch kann so Treppen herauf kommen, daß man es gleich weiß: Nun kommt das Leben, die Freude kommt, das schöne Lachen kommt. Man kann auch anders die Treppen herauf kommen.
Förster: Der Jungherr sagt: Vater, du hast Recht gehabt ... ich hab Hunger, ich habe mich nicht durchbringen können, laß schnell Essen kommen. So, sagt der alt Herr, hast dich nicht durchbringen können? Mit Musik nicht? Auch mit schönen Liedern nicht? Nein, sagt der Jungherr, nur das hab ich wiedergebracht und legt eine Golddublon auf den Tisch. Du hast heute gesagt: die letzte Rechnung, die war ein Golddublon, die schlüge dem Faß den Boden aus. Tat sie auch! „Vor Kurkosten vor des Barbiers Enkelkind, wegen einem krummen Fuß.“ Könnt nicht der Barbier auch eine Schwiegermutter haben und die einen Leibschaden oder eine Bas mit einem Kropf? und muß ich der Straßburger Spittelvogt sein, mit meinem schmalen Braunecker Geldbeutel? Das sähe er auch ein, meint der Jungherr, und deshalb hab er auch die Dublon wieder gebracht. Und das Andere! schreit der alte Graf ... Der Jungherr: Habs einstweilen versorgt ... auch die Ringlein, von den viel holden Frauen. Von denen studiert der Magister Renner noch ein Semester aufs Geistliche, und die Stüber, und was so Sach war, die habe ich bei dem Manne liegen lassen, dessen Haus gestern Nacht abgebrannt ist. Du kannst sie dort holen lassen, Vater. Den Teufel will ich sie dort holen lassen, die Bettelgroschen, schreit der alt Herr, du Herrgottsnarr, du!
Gisela (leise): Du Herrgottsnarr, du!
Das ewige Brot
Gisela: Gute Nacht, Trostblümlein.