Graf Heinz: Meine Tochter, rede nicht in die Unterweisung hinein! Sondern erkenne, daß es Jungherren und Jungfräulein immer geziemt, die Wahrheit zu reden. Vernimm die Geschichte von dem Pfirsich. Das Kinderlehr halten muß schwerer sein, als ich mir gedacht habe. Muß doch nicht gut genug aufgepaßt haben. Hochwürden hat mich einmal aus der Kinderlehre gejagt wegen ungebührlicher Scherze. So etwas tust du nie!

Engela: O nein, nie.

Graf Heinz: Ich wollte Pfirsiche haben für deine Prinzessin, und ganz recht, daß du sie so nennst: denn es ist Wahres daran, und du kannst dir etwas darauf einbilden, daß du es zuerst herausgefunden hast.

Engela: Alle Andern haben Hexe gerufen, ich nie. Prinzessin habe ich gesagt, wie ich mich einmal getraut habe, mit ihr zu reden.

Graf Heinz: Ich vergeß dirs auch nicht, Engela, deshalb hole ich auch versäumte Kinderlehren mit dir nach! Also Pfirsiche wollte ich, und das Schönste wäre gewesen, so über die obere Mauer hängen, einen Korb mit einem Strick ans Geländer binden und hinein mit den Pfirsichen! Aber da fällt mir gerade noch ein, der Gärtner, der einen Mordsstolz auf die Pfirsiche hat und sie auf die Tafel bringen will, könnte meinen, ein Gärtnerbursche habs getan und haut dem den Buckel voll. Und jetzt kommt die Moral oder Nutzanwendung. Wozu ist es nützlich, wenn man die Wahrheit redet? Oft, wenn man ein Geheimnis braucht und sagt die Wahrheit, so glauben es einem die Leute nicht und man hat die Sache erst recht versteckt. Aber diesmal gehts anders herum. Ich steh an der heißen Mauer und seh dem Gärtner zu, wie er anfängt die Pfirsiche herunter zu tun. Immer mit einem Aug auf mich! Mich kennt er schon lang und weiß, daß ich für die leiblichen Güter des Lebens bin. Dann sag ich — und denk, er glaubt mirs doch nicht, er meint, sowie ich ums Eck bin, eß ich ihn doch selbst: „Gib mir doch einen Pfirsich, ich will ihn einem schönen Fräulein bringen.“ Und der sieht mich an, grinst und langt den schönsten herunter. Er muß es doch geglaubt haben, denn er hat von selbst mir den großen Rosenstrauß geschnitten. Mehr konnt ich auch nicht verlangen, denn seine Freud mit den Pfirsichen auf der Tafel wollte ihm deine Prinzessin gewiß nicht nehmen. Trags hinein, Engela, laß ein Ritzchen offen ...

(Engela trägt das Körbchen hinein.)

Gisela: Rosen und Früchte! Regennasse Rosen! Wie ist das schön! Ich liebe den Regen und kann nicht hinausgehen zu ihm! da kommt er zu mir. Auf Rosen kommt er. Gib sie mir in meinen Arm, die Rosen! Ich dank ihm, o ich dank ihm. Immer das, was ich am liebsten möchte, bringt er mir. Immer das!

Engela: Es sei für Leben und Sterben, hat er gesagt!

Gisela: Für Leben und Sterben! Immer das, was mich tröstet, weiß er. — Kein Mensch kann so trösten.

Engela: Trösten?