Leiden: Du kennst mich nicht, Gisela, so viele Nächte ich auch schon an deinem Bette gestanden habe. — Meinen Namen habe ich dir noch nicht gesagt. Ich habe viele Brüder — überall gehen sie durch die Welt — ich heiße nicht nur Leiden.

Gisela: Sag mir deinen Namen.

Leiden: Du mußt ihn selbst finden. — Ich sage dir jetzt Geheimnisse. Ich flüstere sie dir ins Ohr, es sind nur Mädchenohren. Nur was die fassen können, hörst du. Ich bin der Engel, der den Kelch hat, aus dem Jesus trank. Er trank ihn bis zum Grunde. Ein ganz kleiner, kleiner Tropfen nur, ein winziges Tröpflein hing am Rande. Den wollte ich dir geben. Aber deine Seele trägt es doch nicht. Du erschauerst davon, ein halbes Kind noch ...

Gisela: Gib mir den Tropfen! ich werf es hinweg, das Scherlein. —

Leiden: Ich sage dir Geheimnisse. Ich tränke dich, dich, mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit. Weißt du, wer Ihn aufhielt, in der Nacht der Schrecken, daß er zu spät kam, eine halbe Stunde zu spät? Ich wars. Ich habe dir deinen Fuß auf das Kohlenbecken gedrückt, ich stieß dir deinen verbrannten Rücken auf das harte Holz. — Du zitterst, deine Lippen sind weiß, er ist dir zu stark, der Tropfen.

Gisela: Warum, warum tatest du das?

Leiden: Weil ich deine Seele suchte, ich suchte sie für meinen Tropfen. Gisela, dich hab ich als Kind spielen sehen, du gingst so leicht über das Gras mit deinen kleinen, frohen Füßen, dir liefen die Tierlein zu, dir erblühten die holdesten Blumen von selbst. Ich hielt dich in der Einsamkeit. Ich stand schon neben dir, wie du noch ein Kind warst. Nicht viel Erdenstaub kam auf deine Seele. Den haben die Tränen, die du im roten Turm geweint hast, fast schon abgewischt. Warum denn für dich, du zarte Blume, alle Schrecken der Hölle? Alle Finsternisse? Das Riesenweib mit den erstorbenen Augen, die starren und nicht sehen, die Angst! der fürchterlichste von allen Dämonen, der das Blut in den Adern erstarren macht und das Herz klopfen macht wie einen Hammer ... Den wilden Riesen Schmerz für deinen armen holden Leib ... Warum denn das für dich — du Kind Gottes? du Gedanke Gottes! Sag nicht, ich bin schwarz, wenn du weißt, daß du lieblich bist.

Dich tränke ich mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit. Du bist von der Auserwählten Schaar, die es tragen, das Leiden der Welt — das Leiden Gottes. — An ihren Schmerzen zieht Gott durch die Dunkelheiten die Menschen zu sich. Du darfst sie tragen helfen, die Ketten der Welt — durch dich kommt sie vorwärts, aus ihrem Jammer heraus, aus ihrem Sumpf heraus — von ihrem Tränenmeer hinweg. Ich habe nur einen ganz kleinen Tropfen für dich. Nur ein klein wenig darfst du sie heben, die Kette. Für die Andern, für Alle, du. Schon der eine Tropfen, er erfüllt deine Seele. Schrei mit dem Käuzchen um die Wette oder schweig und preß die Lippen zusammen ...

Unten geht Er am Lindenbaum hin und her und ringt die Hände. Er hat ihn gehört den Schrei. Er ging ihm durch die Seele wie ein Schwert. Er hat ihn schon drüben am Walde gehört. Ist das das Käuzchen? Ist das die süßeste Stimme der Welt? Die Stimme, die ein Ton ist aus der himmlischen Harmonie? Nun ist sie nur noch ein Hauch von Weh. — Nun ist sie ein schrilles Zerreißen der Saiten ... Aber immer ist es die süßeste Stimme der Welt. — Ja, wird Er denn noch einen Ort in seinem Hause dulden, wo das Stöhnen um die Säulen fährt? Wenn man ihm die armen Weiber und Mägdlein bringt, wird er nicht ihre Stricke lösen und ihre Tränen trocknen und sagen: Auch sie war eine Hexe ... Und die liebe Frau Trost, erfindet sie nicht tausend Dinge, um deine armen Glieder dem Schmerz abzulisten? Die sagt sie Andern, die vererben sich ... Der weise Mann, der an deinem Lager stand, wälzt er nicht Folianten, sinnt und grübelt und forscht, ob er nicht Kräfte fände, in Blume oder Stein oder Erz, daß er ihn dir daraus brauen könnte, den Trank Vergessenheit? Brauchst du den Trank Vergessenheit? Du hast mich, daß ich dir Nachts die Seele fülle mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit.

Gisela: Bleib bei mir, Leiden!