Zwölftes Kapitel.
Ein böser Verdacht.

Die nächsten Wochen brachten unserem Gretchen noch manche Not. In der Schule soviel Neues und Schweres und daheim weder Rat noch Hilfe, denn der Mutter Krankheit nahm den Vater und Lene ganz in Beschlag.

Heute war es Gretchen besonders schlecht gegangen. Sie hatte von Fräulein von Zimmern zwei schlechte Noten bekommen, weil sie schon zum zweitenmal ihre Geographieaufgabe nicht gekonnt hatte. Betrübt schlich sie in der Freiviertelstunde umher, sie hatte keine Lust, mit den anderen zu spielen; aber Hermine Braun vermißte sie bald und suchte sie auf. »Ist dir's sehr arg, daß du schlechte Noten bekommen hast?« fragte sie, »und warum hast du denn deine Geographie nicht gelernt?«

»Ich habe sie doch gelernt,« rief Gretchen ganz in Verzweiflung, »gewiß zwei Stunden habe ich daran gelernt!«

»Aber du hast doch gar nichts gewußt von allem, was Fräulein von Zimmern gefragt hat!«

»Was sie gefragt hat, kommt ja gar nicht in meinem Büchlein!«

»O, dann hast du gewiß ein falsches Buch, zeige es mir doch einmal.«

Gretchen holte es herbei. Das Buch war nicht falsch, aber bald zeigte sich's, daß Gretchen, die sich noch gar nicht darin auskannte, etwas ganz anderes daraus gelernt hatte und zwar wohl dreimal soviel, als sie aufgehabt hatte.

»Das muß Fräulein von Zimmern erfahren,« rief Hermine lebhaft, »ich gehe mit dir und sage es ihr, gleich jetzt in der Freiviertelstunde. Komm nur!« und voll Eifer zog sie Gretchen mit sich fort, klopfte bei Fräulein von Zimmern an und trat mit Gretchen ein.