»Fräulein von Zimmern,« sagte Hermine, »Gretchen kennt sich im Geographiebuch noch nicht recht aus und hat für heute etwas anderes gelernt, alles dieses!« und sie wies in das Buch.

»Ist das richtig?« fragte Fräulein von Zimmern, indem sie Gretchen ernst ansah.

»Ja.«

»So sage es mir her!«

So lange und schwierig auch die Aufgabe war, die Gretchen gelernt hatte, sie konnte sie ohne Anstoß von Anfang bis zu Ende. Hermine war ordentlich stolz, daß es so gut ging. Fräulein von Zimmern hörte sie aufmerksam an bis zum letzten Wort. »Das war eine schwere Aufgabe für dich,« sagte sie nun, »ich sehe, du warst sehr fleißig. Es tut mir leid, daß du etwas anderes gelernt hast, als ich verlangt hatte; deine schlechten Noten kann ich nimmer ausstreichen, das kommt nie vor, gar nie, auch dann nicht, wenn sie unverdient waren. Im Leben geht es uns auch manchmal so, daß wir ohne Schuld ins Unglück kommen. Auch das muß man ertragen lernen. Ich weiß aber nun, daß du deine Pflicht getan hast, ich bin wieder zufrieden mit dir und so wirst du's auch sein.«

Und Gretchen war's, denn, wenn sie auch Fräulein von Zimmern noch nicht eigentlich lieb hatte, so empfand sie doch schon eine solche Hochachtung für sie, daß dies Lob aus ihrem Munde sie ganz glücklich machte.

»Wenn wieder Geographiestunde ist, so kannst du Gretchen die Aufgabe in ihrem Buch zeigen, Hermine,« sprach Fräulein von Zimmern, »ich sehe, daß ihr gute Freundinnen seid, das freut mich, haltet nur treulich zusammen!«

Als die beiden wieder draußen im Vorplatz waren und Gretchen sicher war, daß Fräulein von Zimmern sie nimmer sah, fiel sie Hermine in ihrer alten, ungestümen Weise um den Hals, drehte sie dann um und um vor Vergnügen, daß Hermine gar nicht wußte, wie ihr geschah, und ganz erstaunt ausrief: »Aber Gretchen, das habe ich noch gar nicht gewußt, daß du auch so lustig sein kannst!« Nun sprangen die Freundinnen miteinander hinaus in den Schulhof und waren vergnügt mit den anderen, denn Gretchen fühlte sich schon längst nimmer fremd unter ihren Kamerädinnen. Nur Ottilie von Lilienkron konnte sie heute noch so wenig leiden wie am ersten Tag, und bald sollte ein Ereignis eintreten, das die Abneigung der beiden Kinder gegeneinander noch bestärkte.

Die Handarbeitsstunde kam wieder, die von Gretchen so sehr gefürchtete. In die zweite Arbeitsstunde war Gretchen ohne ihren alten Strickstrumpf gekommen und hatte versichert, daß er nirgends zu finden sei. Fräulein Klingenstein hatte dies zwar nicht geglaubt, sondern es bloß für eine Ausrede gehalten; aber sie hatte nicht darüber gezankt, denn damals war Gretchen noch sehr in ihrer Gunst gestanden. Seitdem aber waren mehrere Arbeitsstunden vergangen und in diesen war Fräulein Klingensteins freundliche Gesinnung gegen Gretchen ins Gegenteil umgeschlagen. Gretchen brachte das schwierige Börtchen, mit dem sie ihren neuen Strumpf zu beginnen hatte, durchaus nicht zu stande, immer mußte wieder aufgezogen werden, was sie gemacht hatte und darüber wurde Fräulein Klingenstein sehr ungeduldig und hatte schon mehrmals versichert, sie hätte nichts dagegen, wenn Gretchen wieder dahin zurückkehrte, woher sie gekommen war.