Heute nun ging's wieder ganz schlimm. Fräulein Klingenstein hatte eben Gretchens Arbeit in der Hand, die schon anfing, durch das viele Aufziehen eine bedenkliche Färbung anzunehmen. »Dein Strickzeug kann man gar nicht ansehen neben den anderen,« sprach sie ärgerlich. »Ottilie, bringe doch einmal das deinige her, daß wir's nebeneinander halten.« Ottilie war rasch bei der Hand und legte ihre Arbeit neben die von Gretchen, und obwohl sie bemerken konnte, wie diese tiefbeschämt dastand, und obgleich sie hörte, wie Fräulein Klingenstein mit harten Worten Gretchen ihr Ungeschick vorhielt, schien sie doch kein Mitleid zu haben, im Gegenteil, sie deutete geringschätzig auf Gretchens Arbeit und sagte: »So schlecht strickt mein Schwesterchen nicht, das in die Kleinkinderschule geht.«
»Wohl möglich,« antwortete Fräulein Klingenstein, »so oft eine Stunde aus ist, stehen wir wieder an derselben Stelle, wie beim Beginn der Stunde.«
»Nur wird das Garn jedesmal ein wenig dunkler, damit man doch sieht, daß daran gearbeitet wird,« sagte Ottilie lachend und Fräulein Klingenstein lachte mit. Gretchen kämpfte mit den Tränen; sie sagte nichts, als sie aber wieder an ihrem Platz saß, faßte sie im stillen den Entschluß, ihr Strickzeug mit heimzunehmen in der Hoffnung, daß Lene ihr das schwere Muster vielleicht lehren könnte. Es war zwar verboten, die Arbeiten mit nach Hause zu nehmen, aber in ihrem Jammer nahm sie sich vor, es trotzdem heimlich zu tun. Nach der Arbeitstunde, um elf Uhr, mußte sie, wie die andern alle, zunächst einmal ihr Körbchen hinauftragen in die Kammer, sonst hätten es ihre Mitschülerinnen bemerkt. Um zwölf Uhr aber machte sie sich noch ein wenig im Schulzimmer zu schaffen und wartete, bis alle Schülerinnen das Haus verlassen hatten. Dann schlich sie leise die halbe Treppe hinauf; dort aber blieb sie stehen und besann sich. Heimlich etwas Verbotenes zu tun, war ihrem aufrichtigen Wesen ganz fremd und zuwider, und so gerne sie die Arbeit gehabt hätte, sie brachte es nicht über sich, sie zu holen. Was würden die Eltern sagen, wenn sie das wüßten, und sah nicht Gottes Auge auf sie? Gretchen konnte nicht, sie wollte nicht, sie eilte die Treppe wieder hinunter. Aber diesmal blieb sie nicht unbemerkt. In dem Augenblick, als sie herunterkam, begegnete ihr eine Schülerin der ältesten Klasse, die einen ganzen Pack Arbeiten trug.
»Du kommst mir recht, Kleine,« sagte diese, »magst du mir nicht die Fadenrolle aufheben, die mir da hinuntergefallen ist?« Gretchen holte die Rolle. »Ich danke dir; was hast du denn ganz allein da droben getan?« fragte sie arglos.
»O, gar nichts,« antwortete Gretchen in Verlegenheit und eilte fort, während ihr das große Mädchen verwundert nachsah.
Im Heimweg malte sich Gretchen aus, wie schön es wäre, wenn Krieg käme und Soldaten die ganze Kammer ausplündern würden und man gar keine Handarbeiten mehr hätte. In diese Gedanken versunken wandelte sie so dahin und merkte nicht, wer dicht vor ihr desselben Weges ging, bis plötzlich der Anblick eines kleinen Hundes sie aus ihren Träumereien weckte. Das war ja der Mops von Fräulein Treppner und richtig – dicht daneben ging diese selbst, offenbar auch auf dem Weg nach Hause begriffen. Wie der Blitz schoß Gretchen auf die andere Seite der Straße hinüber und tat, als ob sie das Fräulein nicht sähe. Heimlich aber schielte sie doch immer wieder zu ihr hinüber. Fräulein Treppner sah heute nicht so böse aus, eher traurig, meinte Gretchen, etwa so, wie wenn sie gerade darüber nachdächte, daß niemand sie lieb habe. Das alte Mitleid regte sich schon wieder bei Gretchen. »Eigentlich ist's nur natürlich, daß sie neulich böse über mich war,« dachte sie, »denn sie hat ja gemeint, ich hätte absichtlich an ihrer Glocke gezogen. Ich möchte es ihr gar zu gerne sagen, daß es nicht so war.« Gretchen warf einen bedenklichen Blick auf den Hund – der kam ihr aber auf offener Straße auch nicht so gefährlich vor; so wagte sie's denn, ging wieder hinüber auf die andere Seite der Straße, näherte sich dem Fräulein und sprach: »Guten Tag, Fräulein Treppner!«
Ein undeutliches Murmeln war die Antwort des Fräuleins, ein deutliches Knurren die Antwort des Hundes. Das war nicht sehr einladend zu weiterem Gespräch und Gretchen zögerte. Nach einer kleinen Weile aber trat sie noch näher heran und sagte in ihrer herzlichen Weise: »Fräulein Treppner, ich habe gar nicht mit Fleiß an Ihrer Klingel gezogen, ich habe gemeint, es sei die unsrige.« Fräulein Treppner warf einen langen, mißtrauischen Blick auf sie und der Hund kam unheimlich nahe an Gretchens Füße. Diesmal aber rief ihn die alte Dame mit einem »Molly, komm!« zurück. Gretchen nahm dies für ein gutes Zeichen und fuhr fort: »Haben denn andere Kinder schon mit Absicht an Ihrer Glocke gezogen?«
»Ja, freilich haben sie das. Nirgends sind die Kinder so böse wie hier. Sie treiben ihren Spott mit den Leuten, daß sie einem das Leben verbittern.«