»Dein Strickzeug? Nein, das kannst du nicht sehen lassen, an dem muß man sich ja schämen!«
»Aber ich muß doch! Fräulein Klingenstein will es in der nächsten Arbeitsstunde sehen.«
Lene sagte gar nichts mehr. Nach einiger Zeit aber, als sie in das Schlafzimmer ging, um Frau Reinwald ein wenig Fleischbrühe zu bringen, nahm sie im Vorbeigehen aus dem Arbeitskorb Gretchens Strickstrumpf heraus, schob ihn in ihre Tasche und später, als Gretchen wieder im Zimmer war, zog sie die Schublade des Küchentisches auf und steckte den Strumpf in die hinterste Ecke. »So, da kann ihn Fräulein Klingenstein holen, wenn sie ihn durchaus gesehen haben muß,« sagte sie vor sich hin.
Als der Vater mittags kam, bat ihn Gretchen dringend, ihr doch die Bücher und Hefte zu besorgen, die Fräulein von Zimmern aufgeschrieben hatte, und war glücklich, als der Vater nach Tisch mit ihr in die Stadt ging, um das nötige einzukaufen. Daheim schlug sie ihr neues Lesebuch auf und suchte die Stelle, die sie am Morgen in der Schule gelesen hatte.
»Vater,« sagte sie, »bei Fräulein von Zimmern muß man mit »Ausdruck« lesen, was ist denn das?«
»Das will ich dir zeigen,« sprach der Vater, »höre mir einmal zu!« und nun las Herr Reinwald einige Zeilen ganz eintönig und gleichgültig vor und dann wurde dasselbe noch einmal mit soviel Betonung und Verständnis vorgetragen, daß es Gretchen sofort klar wurde, was es heißt »mit Ausdruck« zu lesen.
»Jetzt will ich auch so lesen,« rief sie eifrig, nahm das Buch und las die nächste Geschichte laut vor. Der Vater freute sich, als er bemerkte, daß es Gretchen schon mehr ernst war mit dem Lernen, als früher; er machte sie aufmerksam auf alles, was sie betonen mußte, und hätte sich gerne noch mehr mit ihr abgegeben, aber es zog ihn immer wieder zur Mutter, deren Befinden ihm schwere Sorge machte.
Am Abend sagte Gretchen zu Lene: »Wo ist denn eigentlich mein Strickzeug, ich finde es ja gar nicht.«
»Mußt eben recht suchen,« war Lenes Antwort, und Gretchen suchte gewissenhaft alles aus; aber als sie es gar nicht fand, sagte sie schließlich: »Weißt du, Lene, es ist mir gar nicht so arg, daß ich das Strickzeug nicht gefunden habe, dann muß ich es doch nicht zeigen.« Lene nickte und lächelte schlau, sie glaubte, es recht gut für ihren kleinen Liebling gemacht zu haben; aber es war doch nicht so – krumme Wege führen nicht zum guten Ziel!