Ganz aufgeregt eilte sie die Treppe hinauf. Kaum hatte sie aber an der eigenen Türe geklingelt, so vergaß sie all ihre Erlebnisse über dem einen Gedanken, wie es wohl der Mutter gehe und was der Arzt gesagt habe. Dies war auch ihre erste Frage an Lene.

»Der Doktor sagt, bis jetzt sei es noch nicht gefährlich, aber die Mutter muß sich ganz ruhig halten und soll gar nicht sprechen.«

»Aber ich darf doch zu ihr hinein?«

»Heute nicht, der Vater hat mir's noch ausdrücklich anbefohlen. Sie schlummert auch meistens, sei nur recht still im Wohnzimmer!«

Leise schlich sich Gretchen hinein, legte ihre Kleider ab und lauschte an der Schlafzimmertüre. Sie hörte nichts von der Mutter. O wie gerne hätte sie ihr doch jetzt all ihre Erlebnisse erzählt und ihr volles Herz ausgeschüttet, wie sie es sonst immer getan! Sie sah sich im Wohnzimmer um; dies war noch nicht einmal recht eingerichtet und Gretchen fühlte sich noch ganz fremd darin. Sie trat ans Fenster und sah hinaus auf die hohen Häuser, die an diesem regnerischen Herbsttag so grau und trübselig aussahen und es überkam sie ein bitteres Heimweh. Noch nie im Leben hatte sie sich so einsam gefühlt. Eine gute Weile stand sie so verlassen und weinte still vor sich hin, da streckte Lene ihren Kopf durch die Türe: »Gretchen,« sagte sie, »was machst du so allein? Komm zu mir heraus, ich backe Kartoffelnudeln und die erste, die fertig ist, bekommst du.«

Gretchen wischte sich die Augen und folgte Lene.

»Mußt nicht weinen, Kind,« tröstete Lene, »der Mutter wird's gewiß wieder besser und dann wird alles wieder schön bei uns. Erzähle mir auch etwas von deiner neuen Schule.«

Nun standen die beiden am Herd und während die Nudeln schön goldgelb gebacken wurden, faßte Gretchen neuen Lebensmut.

»Lene,« sagte sie, »Weißt du, was mir das ärgste ist? Daß ich mein altes Strickzeug mit in die Schule bringen soll!«