»O weh, da paßt du aber schlecht in diese Klasse! Bringe mir in die nächste Stunde deinen Strumpf mit, daß ich sehe, was du kannst.«

Gretchen erschrak bei dem Gedanken, ihren schrecklichen Strumpf, der in allen Farben schillerte, vor allen Kindern in der Schule zu zeigen. »Darf ich nicht lieber einen neuen Strumpf anfangen?« fragte sie.

»Freilich, alle müssen bei mir dasselbe stricken, aber deine seitherige Arbeit muß ich doch sehen. Wir machen gegenwärtig feine weiße Kinderstrümpfe mit Müsterchen; Ottilie, zeige einmal deine Arbeit.«

Die Gerufene brachte ihr Strickzeug und Gretchen mußte nur staunen, wie appetitlich weiß und wie schön gleichmäßig gestrickt das aussah, und als nun die Mädchen alle anfingen zu stricken, mußte sie sich wieder wundern, wie rasch bei manchen die Nadeln flogen.

»Ich habe heute noch keine Arbeit für dich, so kannst du ebenso wohl heimgehen,« sagte Fräulein Klingenstein, »bis zur nächsten Stunde werde ich deine neue Arbeit anfangen und du bringst mir deine alte mit, nicht wahr?«

Gretchen mußte es versprechen, dann nahm sie ihre Sachen zusammen und ging. Leise schlich sie durch den weiten, leeren Vorplatz und durch die große Haustüre hinaus, und als sie um die Ecke des Hauses gebogen war, atmete sie erleichtert auf und es war ihr zu Mute wie einem Vögelein, das dem Käfig entschlüpft ist.

Wie viel hatte sie an diesem Vormittag erlebt! Ihr schien es, als sei sie tagelang von zu Hause weg gewesen und doch sollte sie noch etwas erleben, ehe sie wieder zu den Ihrigen kam. Den Weg zu ihrem Hause fand sie ohne Mühe, aber die Haustüre war geschlossen. Neben derselben waren mehrere Glockenzüge angebracht und da die Familie Reinwald im zweiten Stock wohnte, so zog Gretchen an der zweiten Klingel, ohne zu bedenken, daß unten, im Erdgeschoß, auch Leute wohnten, für die der unterste Glockenzug bestimmt war. So hätte sie an der dritten Glocke ziehen sollen. Sie bemerkte aber ihren Irrtum nicht und als die Haustüre aufging, stieg sie ahnungslos die Treppe hinauf. Als sie aber an den ersten Stock kam, tat sich dort die Glastüre auf und eine alte Dame, in altmodischem Anzug, erschien mit bitterbösem Gesicht und vertrat ihr den Weg. Zugleich fuhr ein kleiner, bösartiger Mops hinter ihr vor und kläffte an Gretchen hinauf, daß es dieser angst und bang wurde.

»Was hast du an meiner Glocke zu reißen?« fuhr die Dame nun Gretchen an, »kaum bist du ein paar Tage im Hause, so machst du's auch schon wie die andern ungezogenen Kinder im Haus und in der Nachbarschaft, die mir ein Leid antun, wo sie können, und mich bei Tag und Nacht herausschellen! Was habe ich euch getan, daß ihr euren Spott mit mir treibt? Pfui über euch!«

Mit diesen Worten verschwand die alte Dame samt dem Hund wieder hinter der Türe, die heftig zugeschlagen wurde. Gretchen stand ganz verblüfft da. Noch nie hatte jemand sie so hart angefahren. Und das war also Fräulein Treppner, die alte Dame, die Gretchen so gerne recht lieb gehabt hätte, weil gar niemand sonst sie mochte! Die sah freilich nicht aus zum liebhaben! Und dazu der Hund, der jetzt noch hinter der geschlossenen Türe fortbellte! Gretchen wußte nicht, vor wem sie mehr erschrocken war, ob vor dem häßlichen Tier oder vor seiner erzürnten Herrin.