»Hast du schon viele schlechte Noten in diesem Monat?«

»Nein, das ist meine erste,« sagte Hermine, und dabei schien es, als ob sie nur mit Mühe ihre Tränen zurückhielte. Das war Gretchen sehr leid, denn sie dachte, wenn sie Hermine nicht aufgehalten hätte, wäre diese wohl nicht zuletzt aus der Kammer gekommen.

In diesem Augenblick trat Fräulein Klingenstein ein. Sie bemerkte Gretchen sogleich. »Ah, das ist eure neue Mitschülerin,« sprach sie lebhaft und reichte Gretchen die Hand. »So ein hübsches, blondlockiges Mädchen und ein Gesicht wie Milch und Blut! Das lasse ich mir gefallen, die sieht doch nicht so blaß und spindeldürr aus, wie manche von euch! Und so kugelrunde Händchen, die können gewiß recht schön arbeiten. Nun, wir wollen gut Freund sein, nicht wahr?«

Gretchen freute sich über diese freundliche Anrede und konnte nicht begreifen, warum Hermine Fräulein Klingenstein nicht lieber hatte als Fräulein von Zimmern.

»Was für schöne Handarbeiten hast du denn in deiner früheren Schule gemacht?« fragte jetzt die Lehrerin.

»In der Schule haben wir gar keine Handarbeiten gemacht.«

»So? Das ist aber schlimm! Bei wem hast du denn dann stricken gelernt?«

»Bei meiner Mutter.«

»Und was hast du denn schon alles fertig gebracht?«

»Ich bin am ersten Strumpf,« sagte Gretchen ziemlich kleinlaut.