»Aber bei uns ist's nicht so!« rief Gretchen, »du wirst's schon sehen,« und nun lief sie eiligst heim, denn sie hatte sich schon zu lange bei Luise aufgehalten.
»Mach schnell, daß du hineinkommst,« sagte Lene, »die Suppe steht schon auf dem Tisch, du kommst zu spät.«
Das Tischgebet war wirklich schon gesprochen und der Vater sah ärgerlich auf Gretchen, die vom raschen Lauf ganz erhitzt aussah und die sich nun, ganz erfüllt von ihrer Angelegenheit, ohne Entschuldigung an den Tisch setzte und sofort begann:
»Mutter, nicht wahr, ich darf meine Tafel der Luise Seiz schenken, sie hat die ihrige zerbrochen.«
»Da dürfen wir viele Tafeln kaufen,« sagte die Mutter, »wenn du immer deine hergeben willst, so oft eines von den fünfzig Schulkindern die seinige zerbricht.«
»O Mutter, laß mich's doch,« sagte Gretchen gleich so stürmisch und dringend, daß der Vater ärgerlich rief: »Was soll denn das wieder für eine Torheit sein! Seine Schultafel, die man selbst braucht, verschenkt man nicht. Davon kann keine Rede sein.«
Gretchen war so bestürzt, daß sie in Tränen ausbrach, was ihr nur sehr selten passierte, denn schon als ganz kleines Mädchen war sie immer hinausgeschickt worden, wenn sie weinte, und so sagte der Vater auch jetzt: »Geweint wird draußen, das weißt du. Willst du also im Zimmer bleiben, so sei still.« Mit Mühe gelang es Gretchen, ihre Tränen zu unterdrücken, und es war ihr fast unmöglich, etwas zu essen, und als die Mutter mitleidig sie auf andere Gedanken bringen wollte und sagte: »Denke nur, unsere Katze hat Junge bekommen,« konnte Gretchen keinen Laut von sich geben; es wären sonst wieder Tränen gekommen.
Das Essen war kaum vorbei, als Gretchen auch schon das Zimmer verließ und hinunterrannte in den Garten, wo sie sich ganz verzweifelt auf die Bank im Gartenhäuschen warf und, den Kopf auf den Tisch gelegt, bitterlich weinte. Immer hörte sie in Gedanken wieder Luisens trübselige Worte: »Es ist immer so,« und sie mochte gar nicht daran denken, daß das arme Kind nun Recht behalten sollte.
»Nun, nun, was gibt's denn eigentlich?« fragte plötzlich die Mutter, die ihr Kind im Garten aufgesucht hatte.