»Ach, Mutter, Mutter,« rief Gretchen und warf sich ganz außer sich in der Mutter Arme.
»Nur still und lieb,« beruhigte die Mutter, »sage mir nur vernünftig, was du eigentlich hast.«
Gretchen nahm sich zusammen und erzählte nun der Mutter ausführlich, wie es Luise mit der Tafel gegangen sei, wie sie ihr dann die eigene geschenkt und nachher wieder weggenommen habe, weil sie erst um Erlaubnis fragen wollte. »Ach Mutter,« schloß Gretchen, »wenn der Vater gehört hätte, wie traurig Luise war, als sie zu mir sagte: ›Es ist immer so,‹ dann hätte er mir ganz gewiß erlaubt, daß ich ihr meine Tafel schenke.«
»Das glaub' ich selbst,« sagte die Mutter, »aber der Vater konnte es ja gar nicht wissen, er sah und hörte nur, wie sein Gretchen zu spät zu Tische kam und wie es hastig und ungestüm verlangte, seine Tafel herschenken zu dürfen. Da sagte er natürlich ›nein‹. Anstatt ihm dann verständig deine Geschichte zu erzählen, bist du in Tränen ausgebrochen, obwohl du weißt, daß er das nicht leiden kann.«
Gretchen senkte beschämt das Köpfchen und widersprach nicht; sie fühlte wohl, daß die Mutter recht hatte.
»Der kleinen Luise muß aber geholfen werden,« setzte die Mutter jetzt freundlich hinzu, »ich möchte selbst, daß du dein Versprechen mit der Tafel erfüllst.«
»O Mutter, du erlaubst es also?« rief Gretchen und sah voll Hoffnung in der Mutter freundliches Gesicht.
»Ich kann's nicht erlauben, weil's der Vater verboten hat; aber er wird's selbst erlauben, wenn er alles erfährt.«
»O bitte, Mutter, sag' du's ihm und überrede ihn.«
»Nein, Kind, das ist nicht meine Sache, das mußt du tun, denn du hast die Sache ungeschickt gemacht und mußt sie nun wieder zurecht bringen.«