Gretchen wurde nachdenklich.

»Wo ist der Vater?« fragte sie.

»Er ist in seinem Zimmer und liest die Zeitung.«

»Da mag er gar nicht gern von mir gestört werden, Mutter.«

»Wenn du recht bescheiden zu ihm gehst und fragst, ob du ihm etwas erzählen dürfest, wird er dich schon anhören.«

Aber Gretchen konnte sich nicht entschließen. Sie mochte den Vater, der sie eben erst so streng abgewiesen hatte, nicht bitten.

Die Mutter sah, daß Gretchen einen schweren Kampf mit ihrem kleinen hochmütigen Herzen kämpfte.

»Ei, Gretchen,« sagte sie, »ist das deine ganze Liebe für die Armen? Du verschenkst wohl alles mit leichtem Herzen, weil du weißt, daß du doch noch genug hast. Wenn du aber so einem armen Mädchen zulieb deinem Vater gute Worte geben sollst, so ist dir dies Opfer schon zu groß. Willst du lieber die kleine Luise ohne Tafel jeden Tag wieder den sauren Gang zum Lehrer tun lassen, als daß du einmal für sie zu deinem Vater gehst? Dann hat freilich die arme Luise recht, wenn sie sagt: ›Es ist immer so‹.«

Diese letzten Worte trugen bei Gretchen den Sieg davon.