»Wenn du einmal wegen deines Fleißes vorrückst, dann will ich mich herzlich darüber freuen,« sagte der Vater, »so aber sehe ich gar nicht ein, warum gerade du den Vorteil davon haben mußt, daß eine andere ihre Sache schlecht macht.«
»Ich seh' es auch nicht ein,« sagte Gretchen gutmütig, »überhaupt, wenn das so ist, daß man nur vorwärts kommt, wenn eine andere rückwärts kommt, dann kann man sich eigentlich nicht darüber freuen. Aber der Lene muß ich's erzählen, das ist etwas für die.« – Gretchen sprang hinaus in die Küche und dort wurde ihre Neuigkeit ganz anders aufgenommen.
»So, jetzt glaub' ich's erst, daß euer Lehrer etwas Rechtes ist. Am Sonntag, wenn ich zu meinen Leuten heim gehe, bringe ich dir einen Busch Maiblumen und Waldmeister mit, den darfst du deinem Lehrer schenken.«
»Dem Lehrer? Lieber der, die jetzt auf der letzten Bank an meinem Platz sitzen muß!« meinte Gretchen.
»Die wird's nicht verdienen, aber ich bringe dir genug für beide.«
Inzwischen sagte der Vater zur Mutter: »Das Kind wird uns in der Schule verwöhnt, sie kommt vorwärts, ohne daß sie sich Mühe gibt.«
»Ja,« sagte die Mutter, »ich hätte ihr nicht so viel voraus lehren sollen, es wird ihr nun gar zu leicht und der Lehrer ist zu nachsichtig gegen sie. Macht sie etwas flüchtig oder vergißt sie es ganz, so droht er ihr nur und straft sie nie.«
»Ja, ja, es geht ihr zu gut; früher oder später wird sie's büßen müssen!«
Mit ein paar Pfennigen in der Tasche, die ihr die Eltern gegeben hatten, um den kleinen Künstler damit zu erfreuen, sprang Gretchen fröhlich in die Nachmittagsschule. Auf der Treppe traf sie den Hans.
»Du,« sagte sie zu ihm, »spitz mir meinen Griffel auch einmal so fein mit deinem Brunnentrog.«