Gretchen lachte laut, es war doch auch zu komisch, von einem Schulkameraden als »kleines Fräulein« angeredet zu werden. Sie nahm das Geldstück noch einmal und dachte, voll Mutwillen, es hinter sich zu werfen, mitten unter die Schulbänke, dann konnte es Felix doch sicher nicht fangen; aber sie brachte es doch nicht über sich, ihm den Spaß zu verderben, und warf nun den Pfennig so gut wie möglich, so daß es wirklich keine Kunst für Felix war, ihn zu fangen. Er hatte auch offenbar ihre freundliche Absicht bemerkt, denn nachdem er die Münze ergriffen hatte, stellte er sich vor Gretchen hin, spielte mit dem Geldstück wie mit einem Ball, indem er es in die Höhe warf und so oft es herunterkam, gleich wieder hinaufschlug, so daß alle Kinder ihm staunend zujubelten.
Nun aber machte Herr Baumann der Lust ein Ende.
»Jetzt ist's genug,« sprach er. »Wir haben nun schon gesehen, wie nett du deine Sache kannst, das verstehst du besser als wir alle. Es gibt aber noch andere nützliche Dinge zu lernen und ich will sehen, ob du dich zu diesen auch so geschickt anstellst! Du kannst nach der Schule alle Tage zu mir kommen, bis du soviel kannst, wie die andern Kinder.«
Zum großen Bedauern aller Kinder wurde ihnen nun Felix Acosta entführt, Herr Baumann nahm ihn mit sich hinauf in sein Zimmer. Dort rückte er einen Stuhl an den Tisch und sagte: »So, nun setze dich her, kleiner Mann, und nimm deine Fibel.«
Während Felix sein Buch herrichtete, sprach der alte Lehrer: »Weißt du, daß auch deine Mutter schon zu mir in die Schule gegangen ist?«
Bei diesen Worten hob der Kleine lebhaft den Kopf: »Zu Ihnen? gerade so wie ich?« rief er verwundert.
»Jawohl, acht Jahre lang ist sie in dieses Schulhaus gekommen, ich kann mich ihrer wohl noch erinnern, sie war ein liebes, schönes Mädchen.«
»O mein Mütterlein, mein lieb, lieb Mütterlein, nur für ein einziges kleines Stündlein möchte ich sie wieder haben!« rief in plötzlich erwachender Sehnsucht das arme Kind und brach in bittere Tränen aus. Der Lehrer war ganz bestürzt; er hatte nicht gewußt, daß dies Kinderherz noch ganz von der Trauer um die kürzlich verstorbene Mutter erfüllt war. Er ließ den Kleinen weinen und suchte ihn nicht zu trösten.
»Es ist vielleicht gut, wenn er sein Heimweh einmal recht ausweint,« dachte er und ging im Zimmer auf und ab; so oft er aber an dem Knaben vorbeikam, strich er ihm freundlich über das dunkle Lockenhaar. Endlich, als er merkte, daß das Schluchzen nachließ, sagte er: »Deine Mutter hat vor ihrem Tode selbst noch gebeten, daß man dich hieher schickt, nicht wahr?«