Die Mädchen mußten mit dem Hersagen anfangen. Gleich auf der ersten Bank blieb eine in ihrem Spruch stecken. Gretchen bemerkte ihre Not, vergaß des Lehrers Verbot und flüsterte der kleinen Kamerädin ein Wort zu, da wußte diese wieder weiter.

»Eine hat eingesagt,« sprach Herr Stein, »wer war's?«

Niemand antwortete. Die neben Gretchen saßen, wußten es wohl, wollten sie aber nicht verraten.

»Ich will wissen, wer's war!« wiederholte der Lehrer und hob drohend sein Rohr. Nun stand Gretchen selbst auf und sagte tief errötend: »Ich war's.«

Alle Kinder sahen gespannt auf den Lehrer. Dieser aber ließ langsam sein Rohr sinken und sprach: »Diesmal will ich dir's noch hingehen lassen, weil du's selbst eingestanden hast, das nächste Mal aber kann ich dir's nimmer nachsehen! Jetzt, weiter!«

Nun kam die kleine Emilie von Apothekers an die Reihe. Sie hatte daheim ihren Spruch gut gekonnt, jetzt aber war sie ängstlich und verwirrt und blieb stecken. Der Lehrer behielt Gretchen scharf im Auge. Er sah ihr wohl an, wie gerne sie eingesagt hätte. Als nun aber Gretchen auf der einen Seite des Lehrers strengen, drohenden Blick sah und auf der andern Seite die arme kleine Emilie, mit Tränen in den Augen, die sie mit einem einzigen Wort aus ihrer Not hätte befreien können, hielt sie sich nimmer, sondern rief laut: »Aber da muß man doch einsagen, da kann man doch gar nicht anders!«

»So? Meinst du?« sagte Herr Stein, »nun dann will ich's so einrichten, daß man anders kann: Wer jetzt stecken bleibt, bekommt bloß eines auf die Hand, wer sich aber einsagen läßt, der bekommt zwei. So, nun kannst du einsagen soviel du willst!«

Emilie hatte inzwischen Zeit gehabt, sich zu besinnen und sagte ihren Spruch fehlerlos her. Bald aber kam wieder eine an die Reihe, die die drei Teile des Spruches durcheinander brachte. Gretchen war nun still, auch von den andern hatte keine Lust einzuflüstern und so gab's eben Strafe und der nächsten ging es auch nicht besser, eine wurde durch die andere verwirrt, der Lehrer wurde immer zorniger, das Rohr fiel immer öfter nieder und lautes Weinen wurde immer allgemeiner. So ungemütlich wie heute war es noch gar nie in der Schule gewesen.

Aber nun ging die Türe auf und der alte Lehrer trat ein.

»Was singt denn ihr heute für Klagelieder, ihr Kleinen?« fragte er. »Man hört euch ja bis hinüber in mein Schulzimmer!«