Herr Stein legte sein Rohr ab und ging auf Herrn Baumann zu.

»So dumm und so faul wie heute sind sie noch gar nie gewesen,« sagte Herr Stein, »da ist kaum eine, die ihren Spruch kann!«

»Ei, ei, was ist's denn für ein Spruch?«

Herr Stein nannte ihn und fügte hinzu: »Bald fangen sie mit ›Suchet‹ an, bald mit ›Klopfet an‹, alles bringen sie durcheinander, es ist zum Verzweifeln!«

»Was, den schönen Spruch könnt ihr nicht lernen? Das glaube ich gar nicht! Den haben schon viele hundert Kinder bei mir gelernt und ihr bringt's auch zustande. Aber zuerst laßt nur ein wenig Luft herein, du, Felix, zieh den Rouleau hinauf und mache das Fenster auf und nun hört mir einmal zu!«

Felix war an das Fenster getreten und wollte den Rouleau hinaufziehen. Dieser blieb aber am obern Fensterflügel stecken. Da nahm Felix, wie er's schon oft von Herrn Stein gesehen hatte, das Rohr vom Pult weg und half mit diesem nach. Dann öffnete er das Fenster. Als er das unglückselige Rohr, das heute schon so viele Tränen verursacht hatte, in seinen Händen hielt, fuhr ihm wie ein Blitz ein Gedanke durch den Sinn. Er sah sich um – aller Blicke waren auf Herrn Baumann gerichtet, niemand achtete auf ihn – da ließ er ganz sachte das Rohr zum Fenster hinausgleiten. Er hörte es drunten im Schulhof auf den Holzstoß auffallen, der dort an der Mauer aufgeschichtet war.

»So, du tust uns heute nimmer weh,« dachte er bei sich und setzte sich an seinen Platz.

Die Kinder hatten sich durch des alten Lehrers Zuspruch wieder beruhigt.

»Nun merkt euch recht: Zuerst kommt das Bitten, dann das Suchen und zuletzt das Anklopfen. Könnt ihr's wohl jetzt, wer will's probieren und allein hersagen?« fragte er. Eine ganze Anzahl Händchen fuhr in die Höhe und einmal um das andere wurde der Spruch ohne Fehler hergesagt; dadurch lernten ihn auch die ungeschickteren und zuletzt konnten ihn alle.