Das tat nun Gretchen gar nicht gerne; sie hatte schon ihre stille Freude darüber gehabt, daß das Rohr verschwunden sei. Langsam erhob sie sich und ging zur Türe.

»Halt, laß es nur sein und setze dich wieder,« rief Herr Stein. Er hatte sich so seine Gedanken gemacht: Wenn Herr Baumann das Rohr nur aus Versehen mitgenommen hat, so schickt er's wohl wieder herüber. Hat er's aber mit Absicht getan, so will er's mir auch nicht gleich wieder zurückgeben.

So mußte sich denn Herr Stein die nächste Stunde ohne Rohr behelfen. Felix aber atmete erleichtert auf, als er sah, daß die Sache so gut ausging. Nach der Schule schlich er sich in den Hof, um nach dem Rohr zu sehen. Es mußte wohl zu oberst auf dem Holzstoß liegen und dort konnte man es vom Schulfenster aus entdecken, das durfte nicht sein. Vorsichtig sah sich Felix im Hof um, ob ihn niemand beobachte; dann kletterte er gewandt wie eine Katze auf die Holzstöße. Richtig, da oben lag das Rohr. Er nahm es und schob es zwischen die Holzscheiter, dort konnte es liegen bleiben, da bemerkte man es gewiß nicht. Schnell war er wieder vom Holzstoß herunter und zum Hof hinaus.

Wenn er aber gedacht hatte, es habe ihn kein Mensch beobachtet, so hatte er sich getäuscht!

Hoch oben im Dachstock, gerade über dem Holzstoß und über Herrn Steins Schulzimmer wohnte Frau Semmelmeier, die Schuldienerin. Die wollte einen Teppich zum Fenster hinausschütteln, sah sich aber vorsichtig um, ob nicht etwa Herr Stein gerade den Kopf aus seinem Fenster herausstrecke. Da bemerkte sie, wie Felix in den Hof kam und auf den Holzstoß kletterte. Nun sah sie auch das Rohr dort liegen. Dann dachte sie, er sei wohl geschickt worden, um das Rohr zu holen. Zu ihrem größten Erstaunen gewahrte sie aber, daß er es nur noch tiefer zwischen das Holz versenkte und sich dann wieder davon machte.

»Schaut mir nur den spanischen Schlingel an!« sprach sie vor sich hin, »so etwas tut doch bei uns zu Lande kein Kind, es ist noch nicht dagewesen, solange ich Schuldienerin bin!«

Die wackere Alte stieg die Treppe hinunter. Alle Schulzimmer waren nun leer. Sie trat in das der Kleinen und sah sich auf dem Pult um. »Richtig, richtig, das Rohr ist fort! Der kleine Spitzbub hat's wohl zum Fenster hinausfliegen lassen!« Dann überlegte sie, was sie bei diesem unerhörten Falle wohl zu tun habe.

»Dem jungen Lehrer, dem sag ich's nicht, der könnte mir den kleinen Kerl gar zu scharf hernehmen; man muß bedenken – es ist doch ein armes, fremdes Waisenkind und dazu – so oft mich's sieht, das kleine Bürschlein, zieht's so manierlich sein Samtkäpplein und sagt: ›Guten Morgen, Madame Semmelmeier,‹ oder: ›Guten Abend, Madame Semmelmeier,‹ keines von den andern ist so artig. Nein, seinem Lehrer verrat ich's nicht, aber der alte Herr Baumann soll's wissen, der hat ein Herz für das Kind, er läßt's ja alle Tage zu sich kommen.«

Und Frau Semmelmeier klopfte an Herrn Baumanns Türe. Bald wußte der alte Lehrer alles, was Frau Semmelmeier entdeckt hatte. »Die Welt wird alle Tage schlechter,« schloß die alte Schuldienerin ihren Bericht; »wer hätte in unserer Jugendzeit so etwas gewagt?«

»Ja, es ist schlimm,« bestätigte Herr Baumann; »aber Semmelmeierin, sag Sie zu niemandem etwas von der Geschichte, man darf das fremde Kind nicht gleich einschüchtern. Ich will ihm selbst ins Gewissen reden und will sehen, ob ich ihn dazu bringe, daß er mir's eingesteht, das hätte mehr Nutzen als alle Strafen.«