»Sieh mich nicht so ängstlich an,« sprach er gütig, »wenn man etwas Ungeschicktes oder Böses getan hat und es ist einem nachher leid, dann muß man's nur frischweg eingestehen und um Verzeihung bitten. O dann vergibt der liebe Gott so gerne und die Menschen auch, und denke nur, es steht sogar in der Bibel, daß sich dann die Engel im Himmel darüber freuen.«
»Mein Mütterlein ist auch ein Engel im Himmel.«
»Dann freut sie sich auch mit, wenn ihr Felix etwas eingesteht und um Verzeihung bittet.«
Herr Baumann schwieg. Er sah, wie des Knaben Herz bewegt war, wie es mit sich selbst kämpfte – aber das schwere Wort, das Geständnis, die Bitte um Verzeihung wollte nicht über seine Lippen kommen.
»Ist es nicht so spät, daß ich muß nach Hause gehen?« fragte Felix. Herr Baumann stand auf.
»Ja, du kannst gehen, aber im Heimweg sage dir den Spruch noch vor: ›Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm.‹«
Felix ging. »Er bringt's nicht über sich,« sprach Herr Baumann betrübt zu sich, »es ist ihm zu schwer!«
Am späten Abend, als die Sonne untergegangen war, ging der alte Lehrer nach seiner Gewohnheit vors Städtchen spazieren, an dem Haus vorbei, in dem der Schäfer-Hans wohnte, und weiter hinaus auf dem schmalen Wiesenweg, der am Bach hinführte. Die Vögel sangen ihr Abendlied, die Wiesen dufteten, der alte Herr freute sich heute wieder daran, wie schon so manchmal seit fünfundzwanzig Jahren. In stillen Gedanken ging er vor sich hin und ahnte nicht, daß eine kleine Gestalt in schwarzem Samtanzüglein ihm schon lange folgte. Es war Felix. Seine leisen Tritte waren auf dem Rasen kaum zu hören. Plötzlich griff er mit seinem kleinen Händchen nach der Hand des Lehrers und sagte mit ängstlicher Stimme: »Das Rohr von Herrn Stein, das habe ich zum Fenster hinausgeworft!« und als nun Herr Baumann sich lebhaft zu ihm wandte, da fügte er bittend hinzu: »Um Verzeihung bitte ich auch, und bitte, daß Sie sich jetzt freuen, wie die Engel im Himmel!«
Und wirklich des alten Herrn Angesicht erglänzte vor Freude und eine Träne schimmerte in seinem Auge.
»Ja, Felix, ich freue mich und der liebe Gott und die Engel im Himmel freuen sich und wenn du's immer so machst, so kommst du in den Himmel, und sieh nur dort hinauf, wie schön die goldenen Abendwolken glänzen und wie schön mag's erst im Himmel selbst sein!«