Am Abend, als Herr Baumann am Häuslein des Schäfers vorbei kam, trat er in das kleine Stübchen. Die alte Frau erschrak, als er auf sie zu kam. Schon einmal war er in diesem Haus gewesen, vor vielen Jahren war's, aber die Großmutter wußte es noch gut. Damals war er gekommen, um sich über den großen Bruder von Hans zu beklagen, der schlimme Streiche gemacht hatte, und nun dachte sie nicht anders, als daß ihn wieder so ein Grund herführe. Ängstlich blickte sie nach dem Hans. Der aber sah gar nicht aus wie einer, der ein böses Gewissen hat, mit leuchtenden Augen ging er auf den Lehrer zu und gab ihm die Hand.

»Hört die Großmutter gar nichts mehr?« fragte Herr Baumann.

»Nein.«

»So gib mir deine Tafel.«

Hans hatte sie schnell bei der Hand und ganz von selbst reichte er auch der Großmutter die Brille.

Der Lehrer schrieb nun auf die Tafel, daß der Hans alle Tage mit einem seiner Kameraden zu ihm in die Stunde kommen solle.

Die alte Frau war noch nicht ganz beruhigt. »Hält er sich gut in der Schule?« fragte sie und sah ihn gespannt an.

Als aber der Lehrer nickte und dem Kleinen freundlich auf die Backen klopfte, ging ein Freudenschimmer über das abgehärmte Gesicht und ganz bewegt sagte die alte Frau: »Gott Lob und Dank, daß mein Sohn auch an einem Kind Freude erleben darf, er hat's noch nicht verschmerzt, daß der Große schlecht geworden ist, und meint immer, der Kleine müsse auch schlecht werden, noch keine Stunde hat er sich freuen können an ihm.«

Herr Baumann zog den Hans freundlich zu sich, sah in das offene, treuherzige Kindergesicht, das jetzt bei der Großmutter Worten so ernst drein blickte, und sagte: »Gelt, du wirst nicht schlecht?«