»Freilich, Mutter, aber du hättest nur hören sollen, wie alle Kinder gejubelt haben, da muß man sich freuen. Die Schule ist schön, aber die Vakanz ist auch schön, alles ist schön,« rief Gretchen in ihrer glücklichen Stimmung.
Am Nachmittag kam aber doch etwas, das ihr nicht schön erschien, nämlich ein Strickstrumpf, an dem sie, wie ihr die Mutter erklärte, in der Vakanz jeden Nachmittag von 2–3 Uhr arbeiten sollte. Das Stricken war aber unserem Gretchen der Schrecken aller Schrecken. Diesen Strickstrumpf hatte sie schon vor einem Jahr angefangen. Das Garn, mit dem sie ihn strickte, war weiß, also hätte auch eigentlich der Strumpf weiß sein sollen, aber der war an manchen Stellen gelblich-braun, an anderen gräulich-schwarz, auch hie und da ein wenig rot von Kirschensaft, nur weiß war er nirgends. Gretchen machte einen Versuch, das Unglück von sich abzuwenden.
»O Mutter,« sagte sie, »im Herbst fängt in der Schule die Strickstunde an, dann muß ich doch neu anfangen, warum soll ich dann noch an diesem stricken.«
»Der muß noch fertig werden, ehe der Herbst kommt.«
»Fertig? O Mutter, das ist ja ganz unmöglich, überhaupt ist das so ein Strumpf, der nie fertig wird.«
»So? Gibt's solche? Die habe ich noch gar nicht kennen gelernt. Jetzt wollen wir aber gar nicht weiter darüber reden, sondern fleißig anfangen, du wirst sehen, daß es jetzt schon besser geht, als im vorigen Winter.«
Gretchen nahm mit kummervoller Miene die Arbeit, setzte sich neben die Mutter und fing an zu stricken. Sie hatte aber noch keine vier Nadeln fertig gebracht, als der Vater ins Zimmer trat. Um diese Zeit kam er sonst nie ins Wohnzimmer, Mutter und Tochter sahen ihn fragend an. Er zog einen Brief aus der Tasche.
»Gretchen,« sprach er, »du könntest jetzt hinunter gehen und deine Blumen gießen.«
Gretchen sah den Vater erstaunt an. »Aber Vater, jetzt in der Mittagssonne, da erlaubst du's doch nie!«
»Ja, das ist wahr. Nun, so gehe eben in die Küche und zähle, wieviel Schüsseln und Teller es da gibt.«