Die Feuerschau.
Die schönste Straße im Städtchen ist die Ringstraße, das schönste Haus in der Ringstraße ist das Eckhaus mit der Altane; und das schönste Stockwerk im Eckhaus ist der erste Stock. In diesem ist alles neu hergerichtet, frisch tapeziert und gestrichen, alle Möbel in den Zimmern sind nagelneu, alles Geschirr in der Küche blinkt und glänzt. Auch die junge Frau, die an dem feinen Nähtischchen sitzt und strickt, ist noch ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist sie Hausfrau, eine recht jugendliche Hausfrau; und noch ein paar Jahre jünger als sie ist das Evchen, das kleine Dienstmädchen, das in frischer, weißer Schürze am Herd steht, ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben.
Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem Gesang unterbrochen. Sie hörte ihren Namen rufen durch das offene Küchenfenster. Vom Hof herauf kam der Ruf. Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstmädchen der Hausfrau.
»Was gibt’s?« fragte das Evchen hinunter.
»Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch hinauf, du sollst es deiner Frau ansagen.«
Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den wichtigen Auftrag auszurichten. »Frau Assessor, die Feuerschau wird gleich zu uns kommen.«
»Die Feuerschau? Was will die wohl?«
Das Evchen wußte es nicht, denn in Weilerdinkelbach, wo sie her war, gab es keine Feuerschau. Die Frau Assessor hatte auch noch nie damit zu tun gehabt; aber es zeigte sich doch, daß sie drei Jahre älter war als ihr Dienstmädchen, denn sie sagte: »Ich kann mir schon denken, warum die Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer ansehen wollen, oder vielleicht muß sie alle Öfen nachsehen.«
Es währte auch gar nicht lange, da klingelte es draußen und als das Evchen öffnete, standen zwei Herren vor ihr. Die Feuerschau war es nun freilich nicht, sondern zwei Freunde des Herrn Assessor, die ihn besuchen und seine junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor sich. »Der Herr Assessor ist nicht zu Hause,« sagte sie auf die Frage des Herrn, »aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer.« Nachdem sie die beiden Herren hineingeführt hatte, eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: »Die Feuerschau ist schon im Besuchzimmer.«