Kiel, Freitag früh. Gestern abend sind wir (ich spreche von Kolb und mir, Häusser, welcher der dritte sein sollte, ist unwohl geworden) hier angekommen und haben von neun bis zwölf unsere erste Besprechung mit den Herrn S. und F. gehabt, die sich heute fortsetzen wird. Das Kurze und Lange ist, daß der Herzog geduldig still halten will bis beim Bundestag die Anerkennungsfrage erledigt wird, worüber voraussichtlich manche Woche verstreicht. Manches einzelne, was besonders Hans interessieren würde, könnte ich beisetzen, wenn die Zeit dazu wäre. Allein die fehlt gänzlich und es war nur darauf abgesehen, Dir aus dieser größern Entfernung ein Lebenszeichen zu geben.«

Gleich nach der Rückkehr ihres Mannes fand sich auch Pauline in Frankfurt ein. Einige Briefe schildern uns das dortige Leben. Mitte Januar schreibt sie an Ernst Rohmer:

»In meiner Übersiedelung nach Frankfurt liegt der Grund meines verspäteten Schreibens und auch Karl hat hier so viel zu tun, daß er zu wenig Außergeschäftlichem kommen wird, Du weißt ja, was er für ein Wühler ist, und hier ist er ja noch dazu Wühler von Profession. Wie müßte Dir seßhaften Mann mit Deinen acht Kindern so ein Vagabundenleben vorkommen wie wir es führen! Mein Geschmack ist es indes auch nicht, besonders nicht wegen derer, die ich zurückließ; ich war in Verzweiflung, aber was half es! Hier führen wir nun wieder eine originelle Wirtschaft, wir bewohnen ein großmächtiges leerstehendes Haus (gratis), haben zirka vierzig Zimmer zur Verfügung, Küchen, Keller, Böden etc. und können uns mit diesem Überfluß zu trösten suchen, für das was wir an innerer Einrichtung entbehren, ja wir können jedem Tisch und Stuhl ein eigenes Zimmer, und jedem Haferl und jedem Schüsserl seine eigene Küche anweisen, aber schließlich bleibt es doch nur so eine Zigeunerwirtschaft. Durch Wilbrandts Anwesenheit ist unser Aufenthalt hier bedeutend angenehmer geworden, und mir ist es schon ein wahrer Trost, noch eine befreundete Menschenseele im Hause zu wissen; übrigens wohnen wir hübsch und ganz Frankfurt gefällt mir, auch das Leben ist unter den jetzigen Umständen natürlich sehr interessant, möchte es nur zu einem guten Ziele führen.«

In dem großen stillen Gebäude, das zum Abbruch bestimmt und deshalb schon von den Mietsleuten verlassen war, vermißte Frau Brater oft schmerzlich die Kinder, aber sie schreibt ihnen: »Da dies alles dem Herzog zuliebe geschieht, so muß man eben zufrieden damit sein; der Vater ist auch schon recht gut Freund mit ihm geworden und hat erst in der vorigen Woche bei ihm zu Mittag gegessen, es waren mehrere geputzte in Frack und Uniform und Orden gekleidete Herren dabei und der Vater hatte nur einen alten Reiserock an, das muß recht schön ausgesehen haben.« – Es war der erste briefliche Verkehr mit ihren Kindern und doch schon ein kleiner Ersatz für den persönlichen, da die beiden Mädchen nun über das Alter der nichtssagenden Kinderbriefe hinaus waren und auch Worte fanden, um ihre Empfindungen auszusprechen. Die Mutter verstand es gut, durch ihre Briefe die Kinder zum Aussprechen anzuregen und manches hervorzulocken, was sie vielleicht bei mündlichem Verkehr in Befangenheit unterdrückt hätten. An Anna schreibt sie zu deren dreizehnten Geburtstag:

Liebe Anna!

Dies ist also der erste Geburtstag, den wir nicht miteinander feiern, aber ich denke, Du wirst deshalb doch ebenso vergnügt sein und weißt auch, daß unsere guten Wünsche und unser treues Andenken sich durch so einige elende Bahnstunden nicht abhalten lassen, zu Dir zu kommen, sondern wir werden den Tag in Gedanken mit Dir feiern und wenn Ihr recht acht gebt, so ist mir’s fast, als müßtet Ihr spüren, wie oft wir einen Besuch bei Euch, Ihr lieben Kinder, abstatten. Du wirst Dir für dieses neue Lebensjahr gewiß wieder manchen guten Vorsatz gefaßt haben oder es wenigstens tun, wenn man Dich daran erinnert, denn man muß immer und unermüdlich wieder von neuem anfangen, an sich zu arbeiten, es ist gar schwer, sich etwas abzugewöhnen, besonders wenn man es nun einmal wie Du schon dreizehn Jahre mit sich herumgetragen hat; nicht wahr, Du hast es schon erfahren, wie man achtgeben muß, um seinen guten Vorsätzen nicht untreu zu werden? –

Ich bin gar begierig, liebe Kinder, wenn wir wieder beisammen sein werden, ob ich mich über Eure Fortschritte freuen kann.

Die Geschenke, die Du diesmal von uns erhältst, zeichnen sich mehr durch ihre Nützlichkeit als durch Schönheit aus, ein paar alte Röcke, ein paar Hemden etc. Indes ist der weiße Unterrock doch noch sehr schön und wenn er nicht aus meinem Besitz stammte, so hättest Du wohl kaum einen so schönen bekommen. Am Reifrock hast Du oben am Bund die Fältchen nach Bedarf noch fest zu nähe..... Deine Geburtstagswünsche hast Du wohl bedacht außen auf den Brief geschrieben, wohl in der Meinung, daß, wenn die Eltern Dir dieselben nicht erfüllen, irgend ein Thurn- und Taxisischer Postbeamter Erbarmen haben solle, statt dessen hat Herr Wilbrandt Deinen Herzogswunsch beherzigt und schickt Dir nun die Photographie (des Herzogs) mitsamt dem netten Rähmchen und vielen schönen Glückwünschen, ich habe ihm aber gesagt, es sei schrecklich, wie er meine Kinder verwöhne. Die kleine Broschüre, die Dir der Vater schickt, hat Herr W. im Auftrag vom Vater geschrieben, ich denke, Ihr werdet sie gut verstehen und dann die schleswig-holsteinische Sache erst recht gut begreifen; ich lege noch einige Exemplare bei, die Du den Bekannten bringen kannst, gegen Bezahlung natürlich, denn es geht ja in die schleswig-holsteinische Kasse. Es kostet dreieinhalb Kreuzer, man darf Dir aber auch sechs dafür geben. Von diesem Schriftchen sind nun bereits zwanzigtausend Exemplare auf Bestellung verschickt und ungefähr weitere zwanzigtausend bestellt. Wie viel das aber Mühe und Kopfzerbrechen gekostet hat, die Sache so zu verbreiten, das sieht ihr kein Mensch an, und viel Geld an Porto ist hineingesteckt worden, wenn nur dadurch die Herzen zum Guten gelenkt werden. Manche Tage geht es bei uns von früh bis abends geschäftig her, so daß kein Fertigwerden ist, und wenn Ihr hier wäret, müßtet Ihr wohl auch oft fest am Schreibtisch sitzen, nicht gerade zum Schreiben, aber z. B. es müssen so schnell als möglich eintausendfünfhundert Stück gedruckte Briefe je einzeln mit Kreuzband, Marke und Adresse versehen werden, wie lang meint Ihr, daß daran drei Menschen (der Schreiber, der Auslaufer und im Notfall ich) zu tun haben? Man braucht schon eine Zeit, nur um die Kreuzermarken zu schneiden. Derartige Arbeit hat uns die kleine Schrift viel gemacht und so geht es die ganze Zeit her, bald mit diesem, bald mit jenem.....«

Einen scherzhaften Glückwunsch, den Brater zum gleichen Geburtstag schrieb, möchten wir anführen, zum Zeichen wie weit entfernt im Jahre 1864 auch die Optimisten unter den Deutschen noch davon waren, die Einigung ihres Vaterlandes nahe zu wähnen. Brater schreibt seinen Glückwunsch auf ein gedrucktes Formular, das für Mitteilungen der geschäftsleitenden Kommission der schleswig-holsteinischen Sache bestimmt war, und redet als deren Geschäftsführer seine Tochter an. Nach feierlicher Einleitung kommt folgender Glückwunsch: »Mögen Sie wohlbehalten so viele Jahre erleben, als von heute an bis zu dem gesegneten Tag verstreichen werden, wo unser deutsches Vaterland unter einen Hut gebracht und seinem großen Elend ein Ende gemacht ist. Möge Ihnen die lange Zwischenzeit durch eine frohe und fromme Jugend und durch ein heiteres Alter verschönert werden. Mögen Sie Ihren würdigen Eltern und unvergleichlichen Tanten allezeit zur Ehre und Freude gereichen sowie auch durch einen friedfertigen und einträchtigen Verkehr mit jüngeren Geschwistern den letzten Wunsch erfüllen, welchen sich mit geziemender Hochachtung anzudeuten erlaubt haben.

Namens der geschäftsleitenden Kommission: