| Der Vorsitzende verhindert | Der Geschäftsführer Brater. |
Der »Geschäftsführer« ahnte nicht, daß er damit der Geburtsträgerin nur noch sechs glückliche Jahre wünschte!
Für Brater ergaben sich mancherlei Geschäftsreisen in diesem Frühjahr und oft wurde es für die zurückbleibende Gattin fast unheimlich in dem verlassenen Haus. Sie erzählte später manchmal, daß sie mit einem gewissen Unbehagen an den vielen verschlossenen Türen vorbei die stillen Treppen hinaufgegangen sei. Unter diesen Umständen war es für sie eine doppelte Freude, als sich Wilbrandt bereit erklärte, nach Frankfurt zu kommen und sich an den Arbeiten zu beteiligen. Freilich beschäftigte ihn schon damals sein großer erster Roman und man sah es voraus, daß der Dichter in ihm bald den Juristen und Politiker in den Hintergrund drängen würde. Aber doch lieh er seine Kraft und seine gewandte Feder der Arbeit, die überdies nichts weniger als trocken politisch war, da sie mit Begeisterung aufgefaßt wurde. Die gemeinsamen Münchner Erinnerungen und Beziehungen verbanden in dem ihnen fremden Frankfurt Wilbrandt noch näher mit der Familie Brater und der sich entwickelnde, mit seinem Talent ringende junge Dichter sprach sich vertrauensvoll aus gegenüber der zehn Jahre älteren Frau, ließ sich in düsteren Stimmungen gern von ihr erheitern und brachte ihr dagegen in manche einsame Stunde geistige Anregung. – Aus dieser Frankfurter Zeit datiert auch die Freundschaft mit der Familie Nagel. Als Mitarbeiter an der Süddeutschen Zeitung und politischer Gesinnungsgenosse wurde Nagel von Brater hochgeschätzt und die Beziehungen zu diesem Mann gewannen in späteren Jahren Bedeutung für Frau Brater.
Bis in den Sommer hinein verlängerte sich der Frankfurter Aufenthalt. Frau Brater schreibt darüber an ihre Jugendfreundin Frau v. Breuls geb. Kopp: »Wir sind die erste Woche des Juli jedenfalls noch hier, aber dann hoffen wir, unser Ziel erreicht zu haben. Nicht als ob wir dächten, die schleswig-holsteinische Sache, die meinen Mann hierher gerufen hat, werde bis dorthin ihren gewünschten Abschluß gefunden haben, aber wir hoffen auf einen Ersatzmann in die hiesige Werkstatt und werden dann mit tausend Freuden der Heimat und unsern Kindern zueilen. Diese sind einstweilen mit meiner Schwägerin Luise schon in Erlangen, denn daß wir dorthin umgezogen sind, wirst Du wissen, nur führen wir immer ein so unruhiges Wanderleben, daß ein anderer nie recht wissen kann, wo wir eigentlich zu Hause sind. Wenn wir einmal dort recht festsitzen, müßt Ihr Schwestern uns besuchen, damit wir an Ort und Stelle der alten Zeit gedenken können, der Kindheit, dieser harmlos glücklichen Zeit, und unserer guten Mütter. Dieses Erlangen ist mir oft so öde und ausgestorben erschienen, von meinen früheren Freunden ist gar niemand mehr dort und auf den Straßen lauter fremde Gesichter, die mir wie Eindringlinge in mein Eigentum erscheinen, doch freut es mich, daß meine Kinder nun auch dort heimisch werden und in der Kirche auf den Bänkchen sitzen, wo ihre Mutter die Predigt hörte, wenn sie nicht gerade mit ihrer Nachbarin zu schwätzen hatte, übrigens sind meine Kinder viel aufmerksamer und eifriger im Lernen als ich war, ja sie sind so fleißig, daß ich oft gar nicht begreife, wie ich zu solchen Kindern gekommen bin, denn mir hatte jede Unterrichtsstunde nur den Zweck, möglichst viel Dummheiten zu machen, und die gelungenste war immer die, in der sich auch die Mitschülerinnen zu meinen Nichtsnutzigkeiten hatten verleiten lassen.
Wenn uns, was ich recht sehnlich hoffe, diesen Winter kein Landtag nach München ruft, so wird Anna im Frühjahr in unserer Kirche konfirmiert, auch Agnes kann mit konfirmiert werden, doch ist sie noch sehr jung und ich will es auf sie selbst ankommen lassen, ob sie nicht lieber noch einmal den Präparandenunterricht nehmen will.« ....
Die Frankfurter Zeit ging zu Ende. Brater schreibt an seine Schwester Julie:
»Von unserem Leben, das in seiner Art auch ein einsames ist, – soweit davon die Rede sein kann bei einem täglichen Verkehr mit halb Deutschland und bei zwei dreistündigen Sitzungen wöchentlich – hat Dir P. einiges berichtet. Die neueste Frucht meiner hiesigen Studien findest Du in der kleinen Druckschrift, die ich nebst einigem Zubehör unter Kreuzband mitgehen lasse«. (Zusammenstellung der Teilnehmer des Nationalvereins.) »Man sieht ihr nicht an, was es doch gekostet hat, diese 1300 Namen unter eine Haube zu bringen. Fragt man nach dem Erfolg solcher Anstrengungen, so erscheint jeder einzelne verschwindend klein und doch ist die Gesamtwirkung nicht zu verachten. Jedermann muß dies begreifen, wenn er sich fragt, was aus unserer Sache geworden wäre, wenn wir – das Volk – diese fünf Monate hindurch die Hände in den Schoß gelegt hätten. Nebenbei sind diese gemeinsamen Operationen eine gute Vorschule der politischen Einheit, der wir ja doch entgegen gehen.
Indes habe ich nun vorerst mein Teil getan und in sechs bis acht Wochen soll, wie Du weißt, unser hiesiges Zelt abgebrochen werden. Die Meinung ist allerdings, es dann wieder in Erlangen aufzuschlagen, nur rechne ich auf nichts mehr, nachdem ich mich so oft verrechnet habe. Eigentlich müßte jetzt mit aller Macht an einem neuen Lebensplan gearbeitet werden, denn wenn kein Wunder geschieht wird am letzten Juni die Süddeutsche Zeitung ihren Athem aushauchen. Da wir jedoch in einer wunderbaren Zeit leben, so bitte ich Dich, diese Neuigkeit einstweilen als ein Geheimnis zu behandeln. Jedenfalls bin ich so sehr daran gewöhnt, mir von der Vorsehung ohne viel eigenes Zutun meinen Platz anweisen zu lassen, daß ich mit sträflichem Leichtsinn die Zukunft erwarte, was sie mir etwa neues bescheren wird.«
In derselben Zeit schreibt er an Ernst Rohmer: »So viel ist mir jetzt vollends klar geworden, daß ich nur die Wahl habe, mich der Politik ganz zu ergeben, oder mich ganz von ihr zurückzuziehen. Wer den Mittelweg einhalten will, muß ein Amt oder ein Handwerk betreiben, auf das er sich beziehen kann, sobald man ihm mit zu weit reichenden Anforderungen kommt. In der letzten Zeit, nach dem Tod des Königs (Max II.), habe ich wohl daran gedacht, daß man mir jetzt die Zulassung zur Advokatur nicht mehr verweigern würde, aber ich fürchte mich vor dem Handwerk und die Bewerbung wäre der sauerste Entschluß meines Lebens.« Die Notwendigkeit, diesen Entschluß zu fassen, trat nie ein, es ergab sich immer Arbeit mehr als genug und es wäre wohl in jeder politisch bewegten Zeit von Wert, wenn hervorragende Kräfte »frei zum Dienste« bereit stünden.
Im Sommer wurde Frau Braters sehnlicher Wunsch, nach Erlangen und zu ihren Kindern zurückzukehren, erfüllt; mit Freude und Jubel wurden die Eltern nach fast dreivierteljähriger Trennung von den beiden Mädchen empfangen, die schon einige Monate vorher mit ihrer Tante Luise Brater dort eingetroffen waren und von dieser treuen Erzieherin auch noch weiter unterrichtet wurden.