In den nun folgenden Jahren ergab sich durch den Landtag und dessen Ausschüsse ein häufiger Wechsel des Aufenthaltes zwischen Erlangen und München, was nicht zur Annehmlichkeit des Lebens beitrug. Kam die Familie nach München, so war nie vorauszusehen ob für lange oder kurze Zeit. Deshalb wurden immer nur möblierte Zimmer genommen und um die Sache möglichst billig einzurichten, beschränkte man sich aufs äußerste, mietete z. B. oft nur drei Betten und für die vierte Person, die jüngste, die sich eines sehr guten Schlafes erfreute, wurde aus diesem und jenem Bettstück auf dem Boden ein Lager bereitet.

So ergaben sich in den möblierten Wohnungen allerlei Nachteile. Einst hatte sich die Familie eben erst eingemietet, und zwar bei einer adeligen Dame, einer Gräfin, als morgens vor dem Haus ein Wagen hielt und der Gerichtsvollzieher mit einigen Dienstleuten kam, um die Möbel abzuholen, die, wie sich herausstellte, alle verpfändet waren. In theatralischer Weise fiel die Gräfin auf die Kniee vor ihrem Mietsmann und beschwor ihn, für sie einzutreten. Die Vorstellungen Braters, daß er als Landtagsabgeordneter unmöglich so kurzer Hand auf die Straße gesetzt werden könne, vermochten endlich den Gerichtsvollzieher wieder abzuziehen und die Angelegenheit wurde irgendwie geordnet, doch vergriff sich die Gräfin in ihrer Not noch an Hab und Gut der Mietsleute und es war nicht möglich, lange da zu verweilen.

In jenen Jahren wurde Frau Brater im Ausziehen und Einrichten so gewandt wie ein Packer von Fach und ihr Geschick, mit einem Mindestmaß von Besitz auszukommen und Behagen zu schaffen, erregte oft das Staunen solcher Abgeordneter, die nie den Luxus wagten, mit Frau und Kind zum Landtage zu kommen, trotzdem sie vielfach in besseren Verhältnissen waren. Es gehörte auch Frau Braters ganze Unbefangenheit dazu, mit ruhiger Selbstverständlichkeit Leute aus vornehmen und luxuriösen Kreisen in ihren einfachen Räumen zu empfangen. Buhl, den man den Pfälzer Nabob nannte, Baron von Stauffenberg von seinem Schloß kommend, sie und viele andere Gesinnungsgenossen fanden sich oft abends ein, da Brater seines Hustens wegen an den Klubbesprechungen nimmer teilnehmen konnte. Solchen Gästen gegenüber gab die Hausfrau wohl die Erklärung für die einfache Ausstattung, aber keine Entschuldigung, sie scherzte über die mangelhafte Einrichtung, sie verhüllte sie nicht. Wenn so die wandernde Familie immer wieder mit Beginn des Landtages erschien und den Verkehr mit den nächsten Freunden wieder aufnahm, so waren unter diesen auch solche, die etwas zur Eleganz von Braters Wohnung beitrugen. Die Tochter Bluntschlis, Frau Hecker, sandte für die Saison einige ihrer Bilder zum Wandschmuck und wäre jederzeit zu allen Opfern bereit gewesen, wenn die Freundin darauf eingegangen wäre.

Die pekuniären Verhältnisse waren in diesen Jahren oft ungünstig. Pauline äußerte einmal ihrer Schwägerin gegenüber, daß ihr Mann sich bei seinem zunehmenden Leiden darüber manchmal Sorge mache und sie fügte hinzu: »Ich aber gar nicht, denn wir können nicht mehr sparen.« Dies bezeichnet ihre Stellung zur Geldfrage: Das Möglichste tun, dann aber nicht sorgen.

Kehrte man nach monatelangem Aufenthalt aus den Münchener möblierten Wohnungen nach Erlangen zurück, so fand man dort zwar die eigenen Möbel, wurde auch vom Bruder Hans mit rührender Freude empfangen, aber immer größer wurde die Schwierigkeit, in die Haushaltung einzugreifen, die eine mehr und mehr empfindliche Haushälterin ohne Einmischung weiterführen wollte, und je älter die Kinder wurden, um so weniger war es möglich, auf den Ton einzugehen, mit dem die Wohlmeinende, aber nur Halbgebildete ihre Pflegebefohlenen leitete. Der Grundsatz, das Ideal ihrer Erziehung war: nur nach außen keinen Anstoß erregen, und das dritte Wort: »Was sagen die Leut!« Verfing das nicht mehr bei den Kindern, so suchte sie ihre Autorität zu stützen durch die Drohung: »Wartet nur, wenn die Tante kommt!« Auf diese Weise zerstörte sie, zwar nicht in schlechter Absicht, aber im Unverstande das Vertrauen der Kinder und da sich tatsächlich jedesmal Mißbräuche eingeschlichen hatten, die abgestellt werden mußten, so brauchte es immer längere Zeit, bis die Liebe der Kinder wieder gewonnen war. Dabei mußte die immerhin unentbehrliche Haushälterin ihrer großen Empfindlichkeit wegen mit einer Schonung und Vorsicht behandelt werden, die einer so unmittelbaren Persönlichkeit wie Frau Brater von Natur nicht gegeben war.

Manchmal seufzte sie in jener Zeit: »Das schwerste Kunststück für den Menschen ist, mit den Menschen auszukommen!« Sie bemühte sich aber redlich, es zustande zu bringen, und ihres Bruders Dankbarkeit war ihr Lohn. Ihre zeitweilige Anwesenheit ermöglichte es ihm doch, in dieser Weise den Hausstand fortzuführen, und ihm war alles recht, was ihm den Gedanken an die Notwendigkeit einer zweiten Ehe fernhielt, denn sein ganzes Herz gehörte noch seiner ersten Liebe. In großer Selbstlosigkeit schickten sich die beiden Männer in die kleinen unvermeidlichen Nachteile, die der gemeinsame Haushalt mit sich brachte, auch die Kinder schlossen sich in geschwisterlichem Verhältnis zusammen, aber das Haus selbst, nördlich gelegen, war kein günstiger Aufenthalt für einen Brustleidenden, und Husten und Atemnot mehrten sich.

So wurde im Jahre 1866 für das Sommerhalbjahr ein Aufenthalt ausfindig gemacht, der klimatisch günstiger war und doch keine vollständige Trennung nötig machte. Eine halbe Stunde von der Stadtwohnung entfernt, auf dem Burgberge, lag das sogenannte Palmshäuschen, ein kleiner grauer Sandsteinbau mitten in großem Garten. Nur drei Zimmerchen waren als Sommerwohnung ausgebaut und die standen leer. In diesem Häuschen hatte sich der Nürnberger Buchhändler Palm verborgen gehalten, der im Jahre 1806 wegen der Verbreitung der Schrift: »Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung« auf Befehl Napoleons standrechtlich erschossen wurde. Kaum hatte die Familie Brater dieses stille Landhäuschen bezogen, als – wegen des drohenden Krieges – im Frühjahr 1866 der Landtag einberufen wurde. So mußte Brater auf unbestimmte Zeit nach München und Frau und Kinder im Palmshäuschen zurücklassen. Pauline schildert diesen Aufenthalt den Württemberger Verwandten:

... »Wir haben in unserm Gartenhäuschen anfangs vor allem andern den Ofen schätzen lernen, da wir noch am 23. Mai die prächtig grünen Bäume im dicken, dicken Schneegestöber sehen mußten. Übrigens ist der Schnee wenigstens nicht liegen geblieben und in unserem Garten erfroren auch erst in der letzten Nacht der kalten Zeit die Bohnen und einiges andere, was meiner Agnes besonders ein wahrer Schmerz war, denn sie beteiligt sich mit großer Vorliebe an der Gartenarbeit und sieht jedes Pflänzchen mit wahrer Mutterliebe wachsen und gedeihen. Wir waren schon sehr glücklich in unserer ländlichen Wirtschaft und Behausung, allein seit mein Mann fort ist, ist natürlich auch mir die Freude halb genommen, ja wenn ich nur gewiß wüßte, daß er in kurzer Zeit wiederkommt, so wollte ich mich ruhig in dies kleine Mißgeschick fügen als in ein Bruchteil der allgemeinen Not. Allein wenn ich denke, der Landtag könnte sich in die Länge ziehen und der Sommer meinem Mann erneute Anstrengung statt Erholung bringen, dann wird’s mir ganz verzweiflungsvoll zumute. Ich habe indes noch keinen Grund dies zu fürchten, mein Mann hielt es für möglich, daß der Landtag mit vier Wochen zu Ende gehen werde. – Während nun die Herren in München und in ganz Deutschland sich mit Kriegsgedanken und Rüstungen abgeben, sitzen wir hier in unserer kleinen Burg in einer Stille und Einsamkeit, daß man denken könnte, es gäbe gar keine wichtigeren Dinge auf der Welt, als Gemüse und Salat pflanzen. Für meinen Mann könnte ich mir kein passenderes Plätzchen wünschen, es ist so ruhig, alles grün um uns, der Wald ganz nahe, so daß sich sogar der Kuckuck schon auf unseren Bäumen hören und sehen ließ, der erste, den ich in meinem Leben sah, und Hasen sind uns ganz gewöhnliche Gäste. Auch mir tut diese Stille nach dem unruhigen Winter recht wohl und wie wird man den inneren Frieden erst wieder genießen, wenn er von außen her wieder befestigt ist! Ich halte noch immer an der Hoffnung, daß der Krieg vermieden wird...

Meinen Geschwistern geht es gut... Einen Abend in der Woche kommen die Brüder bei uns zusammen, wo es dann immer ziemlich lebhaft, in diesem Augenblick aber fast übermäßig lebhaft zugeht, denn Hans und Siegfried sind politisch verschiedener Richtung und da könnte jemand, der sich nicht auskennt, leicht meinen, sie möchten sich einander umbringen, aber es nimmt doch immer ein freundschaftliches Ende und meine Kinder freuen sich immer schon im voraus auf den Spektakel...«

Vierzehn Tage später (am 18. Juni) schreibt sie an ihre Schwägerin Emilie Schunck: »Inzwischen sind die Friedenshoffnungen nach und nach verschwunden, und bis der Brief zu Dir kommt, wird wohl der Krieg ausgebrochen sein! Das Empörendste an der Sache ist doch immer das, daß hier ein Krieg geführt wird, den auf beiden Seiten das ganze Volk nicht will, – was sind denn das für Einrichtungen und was für Menschen, die sich soweit treiben lassen zu tun, was sie verabscheuen? Und was kann man sich von ihnen dann noch weiter erwarten und zu was alles werden sie sich noch hergeben und verurteilen lassen? Wahrlich, in solchen Zeiten sind wir Frauen besser daran, die wir mit gutem Gewissen unsere Gedanken von diesen kläglichen Zuständen abwenden können, während die Männer, die das Ganze ausmachen, und jeder ein Teil desselben ist, Arbeit und Verantwortung auf sich haben. Leider sind diejenigen, die ihre Schuldigkeit tun, immer zugleich auch die, die das Elend am tiefsten empfinden..... Aus der Zeitung hast Du vielleicht ersehen, daß der Landtag bei uns zu Ende geht, ja wenn nichts Besonderes dazwischen kommt, wird Karl in dieser Woche noch zurückkehren. Mit welcher Ungeduld ich diesen Zeitpunkt erwartet habe, kann ich Dir kaum sagen, Du weißt ja, daß wir hier auf dem Berg wohnen in einem herrlichen, ruhigen Nest, das für Karl gewiß ein recht wohltätiger Aufenthalt wird, ach, und er braucht den Sommer so notwendig zu seiner Erholung, so daß ich eigentlich in einer beständigen Aufregung war um jeden Tag, den er in München zubrachte, und ich bin nicht völlig ruhig, bis er wirklich und leibhaftig wieder hier ist. Er schreibt, daß sich sein Befinden in München wenigstens nicht verschlimmert habe, das ist viel, aber immerhin bessert es sich eben auch gar langsam und von unserem ohnedies kurzen Sommer sind nun schon viele Wochen ungenützt verstrichen...«