Inzwischen waren alle Gäste versammelt, Frau Reinwald drückte auf die elektrische Glocke und in der Küche wußte man, daß man anrichten sollte. Gretchen dachte im stillen, es wäre doch besser gewesen, der Mutter etwas mitzuteilen, damit sie die Gäste nicht so schnell zu Tisch führe, man hätte dann ruhig noch eine Viertelstunde warten können. Sie sagte aber nichts, denn die Kochfrau ging umher wie ein gereizter Stier, und Franziska stand wie eine Trauerweide an der Wand. Gretchen konnte kein Auge von der Küchenuhr verwenden. Von den zwölf Minuten waren sechs vergangen, jetzt sieben, jetzt acht. Frau Reinwald klingelte noch einmal, man mußte wirklich nervös werden. Frau Batz richtete die Sardellensauce einstweilen an. Neun Minuten. Zehn Minuten. Ach wie ist doch so eine Minute lang! Elf Minuten. Jetzt ein lauter Tritt auf der Treppe, Gretchen stürzt hinaus, die andern ihr nach, draußen steht ein atemloser schweißtriefender Radfahrer, hält ihnen eine heiße Blechkapsel entgegen. In der Küche wird sie aufgerissen, tadellose Pastetchen kommen zum Vorschein – eckige zwar, die andern waren rund – einerlei, nur schnell, schnell auf die Platte und nun hinein, Franziska!
„Da hat’s scheint’s pressiert,“ sagte der Radfahrer und wollte mit seiner Kapsel gehen. „Halt!“ rief Gretchen, und der Mann stellte bereitwillig seine Kapsel wieder ab. Ihm ging’s jetzt gut, denn Gretchen floß über von Dankbarkeit. Ein Glas Wein mußte er haben und Brötchen dazu und das Trinkgeld schien auch nicht schlecht zu sein, schmunzelnd zog er ab.
Inzwischen bot Franziska den Gästen die Pastetchen an. Frau Reinwald war im Gespräch mit dem neben ihr sitzenden Herrn. Sie warf nur einen flüchtigen Blick auf Franziska, deren langes Ausbleiben sie beunruhigt hatte, und sprach dann weiter mit ihrem Tischnachbarn. Als an diesen die Platte mit den Pasteten kam, schwieg Frau Reinwald mitten im Satz betroffen still. Sein Pastetchen war ja eckig! Sie sah auf die Platte: alle Pasteten waren eckig und sie waren doch rund gewesen! Jetzt kam Franziska mit ihrer Platte an Frau Reinwald. Ein fragender Blick traf sie. Das Mädchen schlug die Augen nieder, mußte sie nun wohl vor all den fremden Leuten Rechenschaft ablegen? Da wandte sich der Tischnachbar an Frau Reinwald: „Sie haben sich vorhin unterbrochen, Sie wollten sagen?“
Franziska entwischte.
Draußen in der Küche hatte Gretchen mancherlei Handreichung getan, denn Franziska hatte allen Mut verloren, und Frau Batz war durch den Zwischenfall etwas aufgehalten worden. Aber es ging ihr alles von der Hand, daß es eine Freude war, ihr zuzusehen, und bald lag der Braten schön garniert auf der Platte. „Jetzt sieht er schön aus,“ sagte Gretchen. „Großartig macht er sich,“ sagte Frau Batz selbstgefällig, „so sieht man auch nicht, daß er an einer Stelle ein klein wenig braun ist. Die Röhre hat keine gleichmäßige Hitze.“ Gretchen dämmerte eine Erinnerung auf, und wie träumend kam es von ihren Lippen: „Links hinten ist ein Loch.“ Frau Batz sah sie scheel an. „So? Das sagt man mir, wenn der Braten fertig ist?“
Das ganze Abendessen war meisterhaft gelungen, nicht zum wenigsten der Salat mit dem Öl vom Hinterboxer, und so war auch mit jedem Gang die gute Laune der Kochfrau gestiegen. Gretchen vergaß ganz, daß sie sich in ihrem Zimmer ein Tischchen gedeckt hatte, die gemeinsamen Erlebnisse hatten sie für den Abend mit Frau Batz und Franziska verbunden; sie aß bei ihnen und aß mit Vorliebe von den Pasteten, die in der Zungenbrühe gekocht waren, um Franziska zu trösten und ihr zu beweisen, daß sie doch noch gut, wenn auch nicht mehr schön seien.
Als Gretchen endlich zu ihrem Schiller zurückkehrte und zufällig auf die Uhr sah, konnte sie ihren Augen kaum trauen, es ging auf elf Uhr! Hatte sie fast drei Stunden bei Frau Batz und Franziska zugebracht? Wer ihr das heute nachmittag gesagt hätte!
Sechzehntes Kapitel.
Wiege und Sarg.
Heiß und staubig war es in den Straßen der Residenz, glühend brannte die Sonne auf die Mauern der Häuser. Die Schulkinder schlichen müde in ihre Schulen und waren träge bei der Arbeit. Auch im Institut bei Fräulein von Zimmern machte sich die Schlaffheit fühlbar, bei Lehrern und Lehrerinnen ließ die Frische nach. In der Klasse der Großen freute man sich nicht mehr an dem Sonnenschein, den man im Herbst, im Winter und Frühjahr so gerne zum Fenster hereingelassen hatte. Die Läden waren so weit geschlossen, daß kaum mehr die nötige Helligkeit hereindrang. Heute war Handarbeitsstunde. Das Nähen wollte nicht recht vorwärts gehen, die Finger waren feucht und die Nadeln rutschten nicht durch den Stoff. Aber Fräulein Weber wollte nicht nachgeben; ihr Ehrgeiz war, daß jede der Schülerinnen die zwei Nachtjacken, die sie unter ihrer Leitung angefangen hatte, bis Schluß des Schuljahrs vollenden sollte. Eine kleine Ausstellung der angefertigten Arbeiten war jedes Jahr das wichtigste Ereignis in dem Leben dieser Lehrerin, und zwar war es ihr Ehrgeiz, daß sich nicht nur einige Mädchen durch besonders hübsche Arbeiten hervortun sollten, sondern daß auch die weniger Begabten gute Leistungen aufzuweisen hätten.
Elise Schönlein war auch in diesem Fach die geringste Schülerin, denn es fehlte ihr an Fleiß und sie legte gern ein Viertelstündchen die Hände in den Schoß. Aber auch Gretchen war in dieser Hinsicht keine gute Schülerin, sie machte oft etwas Ungeschicktes.