Heute war wieder ein Unglückstag für sie. Sie hatte das oberste Knopfloch zu groß geschnitten und mußte wieder ein Stückchen davon zunähen. Daß sie nun zu viel zunähte und die Hälfte davon wieder auftrennen mußte, gab dem Knopfloch ein trübes, zerzaustes Aussehen, das auch nicht besser wurde, als Gretchen sich in den Finger stach und ein Tröpfchen Blut daraus floß. Fräulein Weber war ärgerlich und Gretchen unglücklich. Hermine tröstete sie freundlich: „Es ist ja die erste Nachtjacke,“ sagte sie, „die ist nicht so wichtig, wenn nur die zweite gut ausfällt, dann legst du bei der Ausstellung die schöne obenauf und niemand sieht die verunglückte.“
„Ich werde gar nicht fertig mit der zweiten bis zum Schulschluß, ihr seid fast alle weiter als ich.“
„Wir werden auch früher fertig als nötig, du wirst sehen, es reicht dir noch.“
Gretchen war froh, als die Stunde vorüber war, in der es ihr immer heißer wurde als in allen andern. Langsamer als sonst schlenderte sie heim durch die heißen Straßen. Als sie später als gewöhnlich nach Hause kam, sagte Franziska: „Es ist ein Mann im Besuchzimmer, es muß Sie auch angehen, er hat auch nach Ihnen gefragt.“
„Wie sieht er aus?“
„Groß und breit, ein Vierziger denke ich; schwarz gekleidet, fast wie ein Herr, aber doch kein Herr, meine ich.“
Als Gretchen ins Zimmer trat, erhob sich der Mann, der kein Herr war, und Gretchen sagte erstaunt: „Ach, Sie sind’s, Herr Bauer, wie geht es Lene und der Kleinen?“
„Ich danke für die Nachfrage,“ sagte der Kutscher, „es geht gottlob gut. Ich habe Ihrer Frau Mutter die Bitte vorgetragen, die ich und meine Frau haben, ob Sie nicht unserm kleinen Mädel zu Gevatter stehen wollten?“
„Die Mutter? Ach, wie nett!“ rief Gretchen.
„Nein, nicht ich, du bist zu Gevatter gebeten,“ sagte Frau Reinwald. „Ich?“ rief Gretchen in höchstem Erstaunen, „ich, Patin? Und bei Lenes herziger Kleinen? O Mutter, das ist zu schön!“ und im Übermaß der Freude umarmte sie ihre Mutter und frug halb im Scherz und doch halb im Ernst: „Bist du nicht neidisch auf mich?“ „Fast,“ sagte Frau Reinwald freundlich, „aber nun gib doch auch deinem Herrn Gevatter ordentlich Antwort auf seine Anfrage!“ „Ist bereits nicht mehr nötig,“ entgegnete der Kutscher; „soviel habe ich schon heraus, daß es Fräulein Gretchen gern tut.“ „O freilich, und wie gern!“ rief Gretchen; „ich kann’s gar nicht erwarten, bis ich mein Patenkind sehe. Wie soll’s denn heißen?“ „Wenn’s Ihnen recht ist, so möchten wir’s halt auch Gretchen heißen.“ „Ach, das wird ja immer netter; meinen Namen soll die Kleine bekommen!“ „Das ist fast zu viel Ehre für eine so junge Patin wie du,“ sagte Frau Reinwald; „am Ende haben Sie noch eine ältere Patin, die es übel nimmt.“